Mit dem Fahrrad entland der baltischen Küste - durch Polen, Kaliningrad, Litauen, Lettland, Estland

Mi, 31.7.13 Zug: Zürich – Berlin

Abfahrt Nachtzug um 19:40 am Hauptbahnhof Zürich, die Räder im Fahrradabteil. Unsere gebuchten „Sleeperette“ entpuppen sich als normale Sitze in einem voll belegten 6er-Abteil. Wir und die anderen vier Leute waren alle gleich unmutig angesichts einer unbequemen Nacht. Und alle hatten auch ihr Gute-Nacht-Bier dabei. Tatsächlich war das Licht um 10 aus und es gab keinen Mucks bis morgens um 5:30 am Bahnhof Erfurt. Irgendwie haben wir also doch geschlafen oder zumindest waren wir nicht richtig wach. 


Do, 1.8.13 Berlin

Nach der Ankunft morgens um 7:30 am Hauptbahnhof Berlin haben wir uns erstmal hübsch verfahren, sind dann aber durch den Tiergarten und entlang dem Kanal doch zu unserer Gastgeberin Julia gelangt – mit Zwischenstopp im Bioladen fürs Frühstück. Um 11 Uhr sassen wir dann zu dritt auf einer schattigen Wiese auf der Hasenheide und es gab ein herrliches Frühstückspicknick mit veganer Wurst, Oliven, Tomaten, Ziegenkäse, Birne und Wassermelone. Der restliche Tag verlief sehr ruhig. Mir schnell noch einen passablen 10-Euro-Haarschnitt gegönnt und Reiselektüre im Antiquariat gekauft - ein Buch über Zeitwahrnehmung und Alle Menschen Sind Sterblich von Simone de Beauvoir. Dann eine kleine Radtour über die Tempelhofer Freiheit. Das ist Freiheit. Wenn der Himmel so weit ist, dann ist auch der Horizont weit, der Kopf frei. Durchatmen, langsam machen. Dann Abendessen, Schlafen um 22 Uhr – die Nacht davor war wohl doch nicht so erholsam. 

Fr, 2.8.13 Zug: Berlin – Gdansk, Polen

Im Warschau-Express sind wir und die Fahrräder nach Poznan gefahren und mussten dann weiter nach Gdansk umsteigen. Fünf Stunden schöne Zugfahrt. Ich habe mich gleich in meine Reiselektüre über die Zeit von Robert Levine vertieft. Nach dem Umsteigen waren wir in einem Zug ohne Fahrradabteil, also sind wir gleich in den hintersten Waggon eingestiegen, wo man in polnischen Zügen üblicherweise die Räder abstellen darf. Zwei Fahrräder standen allerdings schon da, wir konnten unsere aber dazwischen quetschen. Zuerst sassen wir wie Schüler auf dem Boden im Gang, dann im Abteil nebenan, natürlich nicht auf den Plätzen, die wir reserviert hatten. 

In Gdansk sind wir direkt mit den Rädern zu unserem wohlbekannten Campingplatz (Stogi Nr. 218) gefahren und haben unser Zelt aufgeschlagen. Abendpicknick auf dem Boden, unter Kiefern. Wein bei Sonnenuntergang am Strand. Wie kitschig, wie schön!


Sa, 3.8.13 Gdansk, Polen

Wir bleiben zwei Nächte in Gdansk! Die erste Nacht war eine geruhsame, morgens ein typisch polnischer Streusel zum Kaffeefrühstück. Fahrt mir der Tram in die Stadt. Der Ort bezaubert mich immer noch. Die Backsteinhäuser, die Speicher, der Hafencharakter, Gässchen, Parks, Innenhöfe, der Kanal, wunderbar. Ausstellung in der Kunstakademie, bunte Cupcakes im Schatten der Parkbäume. Auch wenn die Stadt von Touristen überlaufen ist, der Hansestadtcharm ist unwiderstehlich. Am Nachmittag fahren wir zurück und gehen ans Meer direkt neben dem Campingplatz. Wir wandern durch den Kiefernwald um weiter hinten am Strand bei den Nacktbadenden einen Platz zu finden. Da ist es leerer und es gibt nicht so einen Jahrmarkt. Es ist herrlich, ein frischer Wind weht, es ist nicht zu heiss. Die Wellen rauschen, vor mir die riesige Hafenanlage mit den Kränen, die gigantischen Frachter, mit Containern beladen, die von hier aus wie Legosteine aussehen. 


So, 4.8.13 Gdansk – Krynica Morska, Polen, ca. 60 km

Nachts braut sich über uns ein Gewitter zusammen, es regnet. Am nächsten Morgen ist es feucht und am späteren Vormittag sitzen wir endlich auf den Rädern und sind auf dem Weg raus aus Gdansk. Unsere Fahrradtour durch das Baltikum beginnt.

Unser Google-Maps-Ausdruck führt uns in ein paar Sackgassen und auf eine geschlossene Privatstrasse von einer Öl-Raffinierie. Genau dort treffen wir zwei deutsche Radfahrer, die auch drauf und dran sind, in die Sackgasse rein zu fahren. Wir fahren dann zu viert zurück auf die Hauptstrasse und finden einen Weg ohne verschlossene Tore und Schranken. Die beiden machen eine ähnliche Tour wie wir, allerdings weniger weit. Ich glaube, bis nach Memel. Auf jeden Fall fahren sie auch der Küste entlang und durch Kaliningrad. Im nächsten Ort fahren wir getrennt weiter, da die zwei noch einkaufen wollen. Nach unserem Mittagspicknick fahren wir ein Stück, setzen mit der Fähre über einen Fluss und fahren dann Ewigkeiten auf einer flachen, geraden Landstrasse. Durch kleine Strandörtchen voll mit Eis- und Fischständen und haufenweise aufblasbaren Wasserspielzeuge. Ganz schön voll und touristisch. Hoffentlich wird es noch etwas ruhiger und einsamer. 

Jetzt sind wir auf dem Campingplatz in Krynica. Er ist ziemlich voll, fast schon überfüllt. Die 60 km waren heute leicht für uns. Eine gewisse Kondition hat sich beim Fahrradkurierfahren schon aufgebaut. Der Weg war leicht, aber auch nicht sonderlich interessant, es war einfach nur eine stark befahrene Landstrasse. Obwohl wir nur auf dem schmalen Frischen Haff gefahren sind, haben wir vom Meer links und rechts nicht viel mitbekommen. Links ein dichter Wald, manchmal Sandwege zum Strand. Rechts auch ein Wald oder Häuser oder irgendein Dickicht. Aber es war schön, versunken in Gedanken in die Pedale zu treten, vorwärts zu rollen. Jetzt hat die Tour begonnen!


Mo, 5.8.13 Krynica Morska – Frombork, Polen – Kaliningrad, Russland, ca. 70 km

Nach einigem hin und her findet Piotr raus, dass die Fähre von Krynica nach Frombork nicht um 9, nicht um 9:30 sondern um 10:15 fährt. Leider können wir nicht über das Frische Haff nach Kaliningrad fahren, da der russische Teil des Haffs ein Sperrgebiet ohne Strassen ist.


Bei der Fähre treffen wir auch die zwei deutschen Radler wieder. Zum Glück haben wir die Fahrkarten schon am Tag zuvor gekauft, das Schiff ist nämlich brechend voll. Obwohl Frombork nicht weit entfernt ist, zieht sich die Fahrt hin. Das Schiff tuckert gemächlich, ein bisschen Touristenführer - Geplapper auf Polnisch und haufenweise gelangweilte Kinder, durstige Hunde und schwitzende, dicke Männer mit nackten Oberkörpern. 

In Frombork angekommen tingeln Piotr und ich auf der Suche nach einem Mittagessen kurz durch die Stadt und landen dann in einem netten Restaurant. Und sofort machen wir die kulinarische Entdeckung unserer Reise: kalte Rote-Bete-Suppe! Erfrischen, pink, lecker! Das wird meine baltische Leibspeise!

Dann geht es los in Richtung Kaliningrad. Die anderen zwei Radler sind schon ein Weilchen vor uns losgefahren. Der weg nach Kaliningrad ist eher monoton. Eine Landstrasse, gesäumt von Pappeln, Feldern, kleine Dörfchen. Alte Hutzelweiber, die auf Dorfstrassen Zwiebeln und Kartoffeln verkaufen, eine Kuh, die dort auch rumsteht. An der Grenze zu Russland sind wir gespannt, wie sich das alles entwickelt und ob das überhaupt klappt mit dem Express-Visa per Mail-Korrespondenz. Am Grenz-Vorposten sind die Zollbeamte etwas verwundert. Sie blättern den Pass durch: kein Visa! Dann rufen sie den Hauptgrenzposten und und wir werden doch durchgelassen. Am Hauptposten warten wir dann 10 Minuten während unsere Pässe ins Nebengebäude verschwinden und uns dann zurückgegeben werden,  inklusive den eingeklebten Visa für drei Tage, Migrationskarten und einem Formular von Baltma Tours. Hat also alles geklappt. Und wir müssen nicht mal die angekündigten 30 Euro für die Lieferung der Visen an die Grenze zahlen. Glück! Pro Person hat das Visum also 75 Euro gekostet...


Die Fahrt rein nach Kaliningrad verläuft glatt. Auf einer Seitenstrasse radeln wir durch die Hafengegend, werden von riesigen Hunden angegriffen, können uns mit Pfefferspray retten (besser gesagt: Piotr rettet uns mit dem Pfefferspray...) und stehen auch gleich schon vor unserem Amigos - Hostel. Vermeintlich. Schnell stellt sich heraus, dass das Hostel umgezogen ist. Tatsächlich, auf der Reservation steht eine andere Adresse als in meinem Reiseführer (Lonely Planet)! Alle Leute, die wir nach der Strasse fragen, sind mehr oder weniger ratlos. Ein Mann im Proletenauto kann uns nicht mal mit seinem Smartphone und Navi weiterhelfen. Da kommt auch schon der nächste Typ, vertreibt den ersten und will uns weiss nicht, wohin in ein Hostel von einem Freund bringen. Gleichzeitig spricht uns eine ältere Frau auf Englisch an und findet es schade, dass sie uns jetzt erst trifft, da wir eigentlich in ihrem Schrebergarten hätten campen können. Der zweite Typ wird in der Zwischenzeit etwas zu aufdringlich und ungeduldig. Die Frau merkt das auch und schlägt uns schnell vor, bei ihr zu übernachten. Sie sei ja sowieso allein, warum, das würde sie uns später erzählen...


Wir sind sofort dabei, sie hat uns definitiv vor diesem aufdringlichen, zwielichtigen Typen gerettet. Wir laufen mit ihr ein paar Blöcke weiter zu ihrer Wohnung im Plattenbau. Die nächste Frage ist dann, wohin mit den Rädern? Die Parkplätze vor dem Haus sehen unsicher aus. Sie meint, dass wir die Räder auf einem bewachten Parkplatz in der Nähe parken sollten. Vor der Haustür trifft sie aber einen Nachbarn aus dem Haus mit seinem Hund. Der bietet an, dass wir die Räder über Nacht in seinem VW-Bus stellen können. Er lässt den Hund bei uns und geht schnell hoch, um den Autoschlüssel zu holen. Und kommt nicht wieder. Piotr hält den Hund an der Leine und ich bringe mit Elvira, so heisst die Dame, das Gepäck nach oben in ihre Wohnung. Nachdem wir schon eine Viertelstunde auf den Nachbarn gewartet haben, fällt Elvira ein, dass sie ja auch ein Kellerabteil hat, das sie allerdings seit 25 Jahren nicht mehr betreten hat. Also geht sie nach oben, sucht und findet den Schlüssel zum Kellerschloss. Ich halte solange den Hund, Piotr geht mir ihr in den Keller und versucht, die verrosteten Vorhängeschlösser zu öffnen. Mit Erfolg. Im Kellerabteil, so gruslig, wie man sich es nur vorstellen kann, gibt es zwei alte Holzbetten, verstaubte Skis und einen Schlitten. Düster vor Staub und Dreck. Während Elvira den Hund hält, tragen Piotr und ich die alten Betten zur Mülltonne und verstauen unsere Räder im Kellerabteil. Perfekt. Elvira bringt den Hund, der anscheinend vergessen wurde, zu seinem Besitzer. Dessen Frau öffnet die Tür und meint nur, dass ihr Mann betrunken sei. Zum Glück haben wir unsere Räder nicht in seinen Bus geladen...

Bei Elvira gibt es dann erst mal eine Dusche und dann ein Abendessen: kalte Schweinezunge, Kartoffeln mit Dosenfleisch, Salat, eingelegtes Kraut. Und sie sagt uns den Grund, warum sie alleine ist. Ihr Mann ist erst vor kurzem an einem Herzinfarkt gestorben. Auf dem Wohnzimmertisch steht sein Bild mit Trauerband, daneben ein Whiskeyglas. Er mochte Scotch. Wir schlafen auf dem Sofa, wie die Schäfchen. 

Di, 6.8.13 Kaliningrad – Selenogradsk – Kurischen Nehrung, ca. 65 km

Um 8 Uhr sind wir raus aus der Tür. Davor noch ein kleines Frühstück mit russischem Kaffee und dem Rest der Zunge. Piotr hat letztendlich die komplette Schweinezunge alleine gegessen. Eigentlich wollen wir bei der Fahrt raus aus der Stadt im Stadtzentrum frühstücken gehen. Es ist aber alles noch zu. Um 9! Gegenüber von einem Pierogi-Fastfood-Restaurant, in einem Park neben einer kleinen Kirche, vertreiben wir uns die Zeit, bis dieses Pierogi-Restaurant um 10 endlich öffnet. Da gibt es dann Blinis mit Käse und Speck, dazu russischen Salat und Kaffee. 

Die Fahrt raus aus der Stadt ist kein Problem, den Weg können wir leicht finden. Neben uns steht Auto an Auto, Rush Hour , Stau, und wir können uns einfach rechts vorbeischlängeln.

 

Rechts an der Strasse sehen wir immer wieder gelbe Fässer. Was das wohl ist? Wir beschliessen, uns das mal genauer anzuscheuen und halten an. Es muss was zum Trinken sein... Wir nehmen zwei Becher und lassen sie füllen. Es ist Kwas, so ein fermentiertes Getränk, das schmeckt wie eine Mischung aus Kombucha und Malzbier. Sehr lecker und erfrischend.


Selenogradsk ist dann so ein typisches Touristenstädtchen. Softeis, bunte aufblasbare Wasserspielzeuge, Menschen ohne Ende. Ein total überfüllter Strand. Das war der Anfang der Kurischen Nehrung. Ziemlich schnell wird die Vegetation dichter, der Verkehr weniger. Die Strasse ist von Wald gesäumt, links immer wieder Trampelpfade zum Strand, rechts davon eine handvoll parkende Autos. Wir sind neugierig und schleifen die Räder so einen Pfad lang. Vor einer Düne geht es dann nicht mehr weiter. Wir schliessen die Räder ab und spazieren zum Strand. Ein perfekter, natürlicher Strand. Ein paar Leute sind da, aber keinesfalls dicht gedrängt, eher locker gestreut. Keine Büdchen, keine Eisverkäufer. Paradiesisch. Rein ins Wasser.

 

Auf der Karte haben wir einen Campingplatz gesehen und der Plan ist, bis dorthin zu fahren und dort zu übernachten. Wir fahren ewig durch den dichten Wald. Auf der linken Seite Pfade, manchmal auch Holzstege zum Meer, rechts mal eine handvoll parkender Autos, mal ein ganzer Parkplatz mit Kiosk oder Imbissbude. Nirgendwo ein Zeltplatz. Also schlafen wir doch in den Dünen!

Zuerst probieren wir einen Pfad, wo es überhaupt kein parkendes Auto gibt. Mitten im Dickicht müssen wir aufgeben, mit den Fahrrädern wären wir nie bis ans Meer vorgedrungen. Nächster Versuch: perfekt. Wir fahren mit den Rädern durch ein Wäldchen, der Pfad ist teils sandig, teils bewachsen. Dann schieben wir sie noch die Düne hoch und stehen vor dem Meer, an einem wunderbaren Strand. Ein paar Leute, ansonsten leer und einsam. Wir lassen uns auf der Düne in einer kleinen Sandgrube nieder. Hinter uns das harte, spitze Gras, ein paar Büsche, blühendes Grünzeug. Millionen Mücken, riesige Hummeln, die an lila Blüten saugen, Möwen, der Wind. Wir springen ins Meer und warten dann in der Grube auf den Abend. Der Strand wird leerer. Ein Paar kommt, macht Liebe im Sand. Sie sind die letzten, die gehen, als es schon dunkel wird. Dann sind wir allein. Die Dünen summen. Irgendwas summt, wie ein Riesenschwarm Mücken, aber kontinuierlich, wie von überall her. Wir sind allein mit dem Summen. Ein langsamer Sonnenuntergang. Das Meer ist ganz ruhig, fast glatt, feine Kräuselungen in Abenddämmerfarben. Wir schlafen wie die Häschen in der Grube, einfach so, im Schlafsack, ohne Zelt. 

Mi, 7.8.13 Kurische Nehrung – Rybacji, Russland – Nida – Klaipeda (Memel), Litauen, ca. 75 km

Möwenschreie wecken uns. Die Sonne ist gleich ziemlich heiss, ich bade im Meer. Wir sind immernoch allein. Da wir kein Essen und auch kein Wasser mehr haben, machen wir uns schnell auf den Weg zum nächsten Dorf, Rybacji. Dort ist natürlich alles noch zu. Es scheint also noch vor 10 Uhr zu sein. Das einzige Lokal, das offen ist, ist eine Bier- und Räucherfischkneipe. Eine Art Gartenlaube mit Theke und einer Veranda. Der Rest vom Dorf erinnert mich an Rumänien, sehr ländlich, sehr alt, sehr verschlafen. Wir frühstücken geräucherten Tintenfisch und geräucherten Fisch, dazu Brot und Kaffee.

 

Unser nächstes Ziel ist Nida in Litauen. Wieder führt uns eine einsame Strasse durch Kiefernwald. Rechts das Binnengewässer, links das Meer. Mal ist es näher, dann wieder weiter weg. Kurz vor Nida ist die Grenze zwischen Russland und Litauen. Nach dem Grenzübergang ist es schlagartig anders. Wir sind direkt in Nida. Ein sehr touristisches, schickes Örtchen, aber nicht so bunt-laut-billig, sondern gediegen und aufgeräumt. Segelschiffe im Hafen. Breite Uferpromenade mit Radweg. Ganz viele, gepflegte, ältere, deutsche Touristen. Picobello Feriensiedlungen in hübscher traditioneller Bauweise mit spitzen Giebeln und Holzfassaden. Sweet. Wir essen in einem beinahe schon spiessigen Restaurant mit Rietdach draussen auf der Terrasse. Wieder kalte Rote-Bete-Suppe, Saltibarsciai heisst das hier. Meine Leibspeise!

Ab Nida können wir durchgehend auf einem Radweg fernab der Autostrasse die Kurische Nehrung entlang radeln. Wahnsinn! Asphaltierter Radweg durch Kiefernwald. Der Boden weich mit Gras, Moos, Flechten. Es ist angenehm schattig. Ein Märchenwald. Der Wald bedeckt und befestigt riesige Dünen, dahinter ist das Meer. Plötzlich eine Lichtung, ein kleiner Bauernhof mit Fischräucherei, wie aus dem Bilderbuch. Davor ein kleiner Smart mit eingebauter Espressomaschine. Klar, trinken wir zuerst mal einen Caffè Latte unter Kiefern am Baumstammtisch. Es ist einer dieser Orte, wo man am liebsten für den Rest des Lebens bleiben würde. Die Leute vom Hof und der Kaffeestation wirken extrem entspannt. Die vielen Radfahrer auch, haben wahrscheinlich alle Ferien. Weiter geht die Fahrt durch Kiefernwälder, es wir immer noch schöner. Der geteerte Radweg ist perfekt. Es sind schon einige Leute unterwegs, aber es ist überhaupt nicht voll oder eng. Wir fahren an einigen Stränden vorbei, die gut besucht sind, aber nicht diese laute Jahrmarkstimmung wie in Polen oder Russland haben. Im Allgemeinen ist in Litauen die Kurische Nehrung, die ja Naturschutzgebiet ist, viel besser gepflegt und geschützt. Es gibt viele Zäune und Verbotsschilder, welche die Menschen davon abhalten, überall auf den Dünen rum zu klettern und durch den Wald zu trampeln. Die Natur ist märchenhaft schön.

 

Gegen Nachmittag halten wir schon Ausschau nach einem Campingplatz und fragen ein paar Leute. Wir vermuten einen Campingplatz in einem kleinen Ferienörtchen auf der Nehrung. An der Abzweigung dorthin versichert uns aber ein Mann, dass es dort keinen gibt. Also fahren wir weiter, immernoch auf der Nehrung, immernoch auf dem verwunschenen Pfad unter Kiefern. Wir hoffen auf einen Camping am Ende der Nehrung, in Klaipeda. Die Sonne geht langsam unter und der Radweg endet in diesem Städtchen an einer beeindruckenden Hafenpromenade. Direkt an der Promenade stehen eine Reihe hübscher, alter Häuser und ein Hotel. Piotr fragt im Hotel nach einem Ort zum Campen bzw. nach einem freien Zimmer. Es ist voll belegt und beim Hotel dürfen wir nicht campen. Aber es wird ihm gesagt, dass wir doch beim Nachbarhaus fragen sollen. Das Nachbarhaus, ein altes Fachwerkhaus, leicht verfallen, mit Prinzessinnentürmchen, Gartenlaube und einem herzallerliebsten Garten. Ich klingle, erst kommt die Tochter raus, dann Mutter und Sohn – kein Problem, wir dürfen im Garten zelten, es gibt sogar einen Gartenschlauch zum Duschen und auf der Rückseite vom Schuppen ein altes Plumpsklo, das wir benützen können. Der Sohn kündigt gleich noch an, dass Freunde von ihm kommen, sie im Garten sitzen werden und wir gerne dazukommen können. 


Als es dunkel wird, sitzen wir dann alle an der Promenade. Das Haus hat über ein Treppchen und ein Rasenstück einen direkten Zugang. Gegenüber der Promenade sind eine riesige Werft und der Frachthafen. Soweit man schauen kann, links und rechts, grosse Frachter, Schiffe, Kräne, Werfthallen. Dazwischen ein breiter langsamer Fluss, der zwei Kilometer weiter ins Meer mündet. So in etwa stelle ich mir den perfekten Ort vor. 

Der Sohn des Hauses, Remmi, studiert Meeresbiologie und sein Vater ist der Direktor vom Meeresmuseum in Klaipeda. Ausserdem sind Remmi und seine FreundeInnen gute Geschichtenerzähler. Und während wir da auf dem Mäuerchen an der Promenade sitzen und trinken, erfahre ich folgendes: 1. Die Katze des Hauses ist 13 Jahre alt. Ein Jahr jünger als die Schwester von Remmi. Als die Schwester klein war, hat sich die Katze abgeschaut, wie man aufs Töpfchen geht. Später dann, wie man auf die Toilette geht. Die Katze macht ihr Geschäft immer auf der Toilette. Remmi schwört, dass das wirklich so ist. 2. Basketball ist Nationalsport. Vor allem, weil die litauische Mannschaft kurz nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion die Moskauer Mannschaft besiegt hat. Mehr als Sport. Nationalstolz. 

Wir sitzen und Trinken bis 1 Uhr und gehen dann im schönen Garten im Zelt schlafen.


Do, 8.8.13 Klaipeda (Memel) - Sventoji, Litauen, ca. 45 km

Wieder ein heisser, trockener Tag. Sie Sonne brennt schon morgens um 9. Bevor wir mit der Fähre vom Ufer der Nehrung nach Klaipeda-City übersetzen, wollen wir noch schnell die äusserste Spitze der Kurischen Nehrung anschauen. Dort entdecken wir wieder einen perfekten Strand, der von der Hafeneinfahrt mit riesigen Wellenbrechern aus Beton abgetrennt ist. Eigentlich wollten wir früh losfahren, das Meer ist aber so unwiderstehlich, dass wir in die Wellen springen müssen. Dann wieder auf die Fahrräder, rauf auf die Fähre und rüber in die Stadt. Klaipeda ist wieder so eine bezaubernde Hafenstadt, erinnert mich an Gdansk. Wir bleiben auf der Terrasse eines Restaurants in einem stilvoll restaurierten Backsteingebäude hängen. Bier und Heringsalat. Dann bleiben wir ein drittes und letztes mal hängen: im Supermarkt. Eigentlich will ich nur kurz eine Flasche Wasser kaufen, entdecke dann aber die leckersten Sachen: Sprossen, Vollkornbrot mit Kümmel, Käsesorten und Gebäck, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Sieht alles verdammt lecker aus! Die baltische Esskultur ist eine Perle! Zumindest hier in Litauen...


Die Weiterfahrt ist angenehm, wieder fahren wir auf gut ausgeschilderten Eurovelo 10 - Radwegen durch Kiefernwälder. Der Waldboden sieht so weich aus und ist komplett bewachsen mit feinen Gräsern, Moosen und Flechten. Durch die Kiefernzweige dringen die Sonnenstrahlen, es duftet nach Harz. So angenehm und ruhig. 

Dann kommen wir in die Stadt, vor der wir gewarnt wurden: Palanga. Angeblich voll touristisch und eine Partymeile. Es ist aber ganz nett. Klar, es gibt viele Leute, aber an jeder Strassenecke steht eine mobile Kaffeestation mit italienischem Kaffee (ist uns natürlich sehr sympathisch) und es gibt nicht allzu viele Stände mit Wasserspielzeug. Die Unmengen an Ferienhäuschen und -bungalows sind erstaunlich stilvoll, sie erinnern immer an die lokale Architektur, nordisch, mit viel Holz. Wirklich ein schöner Anblick. Die Hauptflaniermeile von Palanga ist krass, wirklich eine Bude neben der anderen, voll mit Leuten. Wir lassen diesen Hotspot hinter uns und fahren auf einem ruhigen Strässchen parallel zum Strand. Da es schon Richtung Abend geht, halten wir an einem eher privat aussehenden Campingplatz an, irgendwo weit hinter Palanga, wo es wieder ruhig ist. Eigentlich ist der Campingplatz wirklich privat und nur für Dauercamper, trotzdem dürfen wir netterweise unser Zelt für eine Nacht aufstellen. Später am Abend bricht ein Gewitter über uns herein.

Fr, 9.9.13 Sventoji, Litauen - Liepaja (Liebau) - Svaraiki, Lettland, ca. 80 km

Das Gewitter hat die Luft deutlich abgekühlt und das Meer aufgewühlt. Das fast glatte Wasser hat jetzt brausende Wellen mit Schaumkronen, das Thermometer ist von 35 Grad auf 20 Grad gefallen. Es weht ein knackiger Wind. 

Wir brechen relativ früh auf und radeln zur Grenze. Davor durchqueren wir noch ein trashiges Urlaubsörtchen, wo wieder alles laut und bunt ist und es einen Rummelplatz mit Boxautos gibt.


Gleich hinter der Grenze zu Lettland treffen wir zwei Amerikaner, die in die andere Richtung unterwegs sind. Im nächsten Örtchen, in Nica, machen wir Mittagspause in einem Restaurant. Wir bestellen eine vermeintlich kleine Fischplatte, einen Salat und Kartoffelpuffer. Die Portionen sind riesig! Die Fischplatte ist vollgehäuft mit geräucherter Makrele, geräuchertem Lachs, rohem Lachs und marinierten Shrimps. Der Salat besteht auch hauptsächlich aus geräuchertem Lachs und die Kartoffelpuffer sind üppig. Ein Festmahl, sehr reichhaltig, sehr lecker!

Weiter geht die Fahrt nach Liepaji (Liebau), durch weite Felder und Wälder. Liepaija ist wieder ein malerisches Städtchen nach meinem Geschmack. Erst fahren wir durch den Park, der direkt an einen schönen Strand grenzt. Im Park ist jede einzelne Holzbank anders gestaltet, witzig. In der Stadt gibt es eine hübsche Hafenpromenade mit Backsteingebäuden, Restaurants, einem Hotel und einer Hippie-Bar. Und natürlich mit den obligatorischen Schiffen und Fischkuttern. Dann radeln wir ziemlich lange durch Vororte, wo die meisten Gebäude leer stehen, links von uns das Meer. Irgendwann mündet diese einsame Landstrasse in einen Schotterweg mit diesen lästigen Querrillen, die einen derb durchschütteln. Die Sonne senkt sich schon langsam und Piotr ist sauer wegen der Strasse. Landschaftlich ist es aber reizvoll, links hören wir hinter einem dichten Wäldchen das Meer rauschen, rechts sind kleine Siedlungen, verlassene Bauernhöfe oder weite Kuhweiden und Felder. 

Nach etwa einer halben Stunde auf der Schotterpiste kommen wir zu einem Schild, das zu einem Hotel mit Campingplatz weist. Nichts wie hin! Vor uns liegt ein riesiger, frisch gemähter Rasen, gesäumt von Bäumen, mitten auf dem Rasen steht ein kleines, schönes Gebäude aus Holz: das Hotel. Es ist kein Zimmer mehr frei, aber wir können zelten. Irgendwo auf diesem Parkrasen dürfen wir uns ein Plätzchen aussuchen. Es ist wunderschön, ein Apfelbaum, ein paar Kiefern, eine Holzskulptur, dahinter der Strand mit wilden Wellen, alles komplett menschenleer. Der ganze Ort ist so ruhig, so leer, so grosszügig, so harmonisch. Die Natur drum herum ist atemberaubend. Zum Meerbaden ist es aber leider zu kalt geworden. 


Sa, 10.8.13  Saraiki - Pavilosta - Labrags, Lettland, ca. 65 km

Am Morgen Nieselregen. Durchgehender Nieselregen. Im Hotel bekommen wir ein super Frühstück. Es gibt bergeweise Rührei, Würste, Schinken, Käse, Gurken und Tomaten. Und dünnen Kaffee.

Wir starten im Feuchten. So schlimm ist das Wetter aber nicht. Hin und wieder Sprühregen, dazwischen trocken. Wir fahren eine Autostrasse entlang, durch Wälder, durch Wiesen. Es ist flach und geht schnell voran. Am frühen Nachmittag machen wir eine Pause in Pavilosta, ein Mini-Touristenörtchen mit Schönstrand. Den Kaffee (extra gross!) bekommen wir in einer coolen Surf-Bar. Richtig mit Tiki-Surfsound, Surfklamotten und coolen Leuten.

 

Die Fahrt Richtung Jurkalne führt uns wieder durch die ewig gleiche Landschaft aus dichten Wäldern und weiten offenen Grasebenen. Verstreut ein paar einzelne Höfe, mal ein paar Häuser, keine Menschen, nur ein paar Kühe hier und da. Diese Weite, diese Einsamkeit, diese Monotonie! Gleichzeitig befreiend und doch erschreckend, weil so ungewohnt für mich. Wie die Menschen, die hier leben, wohl sind? So ruhig wie die Landschaft? Sitzen sie eng gedrängt in ihren Wohnzimmern und gehen nie alleine raus? Hassen sie das Landleben und die Monotonie oder lieben sie es? Ich weiss es nicht. Da ist genau diese undefinierbare Mischung aus Osteuropa und Skandinavien. Auffallend sind die idyllischen Holzhäuschen, oft sind sie sehr modern aber schlicht und an die traditionelle Holzbauweise angelehnt. Dazu gibt es neben jedem Haus einen schlichten, bunten, gepflegten und mit einfachen Blumen bepflanzten Garten. Keine kitschigen Statuen oder edle Rosen - nein, gewöhnliche Gartenblumen, üppig und gehegte, gepflegte Büsche. Genau der perfekte Mittelweg zwischen zu wild und überpflegt.

Endpunkt der Fahrt ist ein Zeltplatz nahe Jurkalne. Wir bleiben auf dem nächst besten. Es ist Wochenende und der Platz gerammelt voll mit Jugendlichen und Familien. Bis spät am Abend reisen immer noch mehr Leute an und alle wollen ganz laut Autoradio hören. Meine Vision von Ruhe und Einsamkeit löst sich auf.


So, 11.8.13 Labrags - Jurkalne - Kuldiga - Renda, Lettland, ca. 75 km

Wir sind früh auf den Rädern und auf dem Weg nach Kuldiga. Auf halber Strecke erwischt uns dann ein Gewitter. Ist wohl doch eher eine nasse Wetterperiode. Zum Glück hält mein neuer Poncho dicht. Wir fahren wieder durch diese grünen, feuchten Wälder. Birken, Kiefern, Farne. Es riecht nach nassem Waldboden und nach Pilzen. Zur Abwechslung weite Felder mit Kuhweiden, dann wieder die einsame Landstrasse durch den Wald. Zum Glück gibt es nicht viel Verkehr. 

Am Nachmittag erreichen wir Kuldiga. Nettes, kleines Städtchen. Wir gehen in das Restaurant, das anscheinend am beliebtesten ist. Zumindest sagt uns die Wirtin gleich, dass wir eine Stunde aufs Essen warten müssen da gerade so viele Gäste da sind. Dafür war es dann auch lecker. Salat und ein Bauerneintopf mit Speck, Bohnen, Kartoffeln und Karrotten, überhäuft mit einem cremigen Frischkäse. Boah! Das ist für hart arbeitende Bauern! Oder für Fahrradfahrer... Nach dem Essen brechen wir wieder auf um noch ein gewaltiges Stück zu fahren. Es ist trocken, nieselt, schüttet, regnet, dann wieder Sonne, dann wieder Regen. 


Weiter auf der Landstrasse, jetzt hauptsächlich über Land zwischen Wiesen und Feldern, winzigen Ortschaften aus drei Häusern. Oder einzelne Höfe. Manchmal sehen wir nur Zufahrten zu Höfen oder Häusern, die sich im Wald verstecken. Als wir in Renda ankommen, sieht es nicht nach Campingplatz aus. Wieder eines dieser winzigen Dörfer. 

Am Ortsausgang am Flussufer ist ein kleines Gebäude mit Holzterrasse, anscheinend eine kleine Wirtschaft, dahinter ein Park mit Feuerstelle und Bänken. Der Wirt der Gaststätte bietet uns an, dass wir dort gerne gratis campen können, was wir sofort annehmen. Es regnet immer wieder mit kurzen Unterbrechungen. Das mit unserer Zeltunterlage, die uns vor Feuchtigkeit schützen soll, klappt aber nicht. Sie sammelt wie ein Trichter das ganze Regenwasser und leitet es unters Zelt. Weil die Unterlage wasserdicht ist, liegt das Innenzelt in einer riesigen Pfütze. Und weil das Innenzelt wasserabweisend, aber nicht 100% wasserdicht ist, ist die Pfütze mitten im Zelt bei uns. Wir kriegen die Krise, ziehen die Unterlage unterm Zelt weg, das Wasser fliesst sofort in den sandigen Untergrund ab und wir sind wieder mehr oder weniger im Trockenen. Trotzdem ist die Nacht feucht und ungemütlich.

 

Mo, 12.8.13 Renda - Sabile - Tukums, Lettland, ca. 70 km + Zug nach Riga, ca. 75 km

Naaaasss! Zum Glück regnet es erstmal nicht. Als wir aufstehen schein sogar die Sonne. Im Supermarkt bekommen wir Kaffee To Go und wir frühstücken auf einer Parkbank in der prallen Sonne und lassen uns richtig durchtrocknen. Ziemlich schnell hat uns die Regenwolke aber wieder eingeholt.

Wir schaffen es bis nach Sabile, plötzlich ist es wieder trocken, blauer Himmel. In einer Hausmannskost-Wirtschaft trinken wir Kaffe und essen "russischen" Salat und einen genialen Obstsalat. Im Radio laufen Schlager. Das Restaurant ist holzgetäfelt, alles ist aus Holz, die rustikalen Tische und Stühle, alles. Einheimische kommen vorbei und holen sich ihr Mittagessen. Das WC ist im Hinterhof, ein Plumpsklo ohne Wasser, aber dafür mit Fliesen und Häkelgardinen. Wirkt alles authentisch. Das ganze Land ist so urig und holzig und pilzig.

 

Weiter geht es durch Felder und Wälder. Vereinzelte Höfe, mal Pferde, mal Stiere auf der Weide. In Kendava biegen wir Richtung Tukums ab, um auf einer als Alternativroute vorgeschlagenen, nicht asphaltierten Landstrasse zu fahren. Die Schnellstrasse ist angeblich stark befahren und zu gefährlich. Die angekündigte Schotterpiste entpuppt sich als schöner Feldweg, gut zu fahren. Und die Landschaft ist wunderbar. Sanfte Hügel, Felder, riesige Eschen und Birken. Beerenfelder. Ein starker Wind rauscht durch die Blätter und treibt Wolkentürme vor sich her und zum Glück auch die Regenwolken von uns weg. Das letzte Stück nach Tukums fahren wir auf der Schnellstrasse, was doch ganz ok ist. So heftig ist der Verkehr nicht. Da wir noch eine ganze Weile auf den Zug nach Riga warten müssen, setzen wir aus auf die Terrasse einer Kafejnica. Es gibt Bier, kalte Rote Bete - Suppe und verschiedene gefüllte Teigtaschen. Eigentlich wollte ich eine vegetarische Teigtasche. Die Verkäuferin meinte dazu: Yes, salad! No meat! In Wirklichkeit war die Füllung ein Wurstsalat...

Wir sind aber ziemlich begeistert vom Konzept der lettischen "Kafejnica" - ein kleines Gasthaus oder ein Café, wo es guten Kaffee und Süsses gibt, aber auch Bier und kleine, deftige Gerichte, z.B. sogenannte Salate (mit Fleisch...), Suppen, Teigtaschen, Fleisch, Kartoffeln etc. Sehr lecker, ziemlich günstig und zudem bodenständig, lokal und traditionell (es gibt dort keinen Kebab oder Pommes oder Pizza). 

Mit dem Zug sind wir innerhalb von einer Stunde in Riga. Der Fahrradtransport war kein Problem und das Hostel finden wir vom Bahnhof aus auf Anhieb. Das Zimmer ist klein und süss, das Hostel sympathisch. Endlich Duschen! Endlich Wäsche waschen!

Di, 13.8.13 Riga

Endlich eine Nacht im trockenen Bett und doch hab ich nicht so gut geschlafen. Aber was für eine Erleichterung, endlich wieder was Frisches zum Anziehen zu haben. 

Am späteren Vormittag gehen wir in eine Kafejnica (neben einer Kebabnica) zum Frühstücken. Guter Kaffee und wieder allerlei Krapfen und Teigtaschen, gefüllt mit Marmelade, Käse oder Reis. Dann spazieren wir durch die Markthallen und weiter durch die Altstadt. Die Altstadt ist charmant, allerdings auch sehr touristisch und konsumorientiert. Shoppingmalls, Boutiquen, Supermärkte, Souvenirläden, viele, wirklich appetitlich aussehende Cafés und Restaurants. Wunderschöne grosse Plätze mit Open Air Cafés, geschmückt mit bunten Bändern und Fahnen, lettische Folklore-Souvenir-Stände, wo es echt noch ganz schöne Sachen gibt. Viel gestricktes Zeug, handgefilzte Pantoffeln und so. Das ist ein Stil, den ich aus anderen europäischen Grossstädten gar nicht kenne. Es ist so verspielt, detailverliebt, bunt und dann doch wieder schlicht und leicht. Keinesfalls überladen, kitschig oder billig.

 

Wir spazieren über die Brücke zur neuen Nationalbibliothek. Da gibt es schon keine Touristen mehr, dann wieder zurück in die Altstadt. Der Magen meldet wieder Hunger und wir gehen in ein Restaurant, das auf den ersten Blick so aussieht, als würde es dort nicht unbedingt Mayo-Salat und frittierte Teigtaschen geben. Das war dann auch so. Eine frische, leichte Kost, lettisch angehaucht, aber zeitgenössisch. Und das ganze Design... bin mir nicht sicher, ob ich jemals in einem schöneren Restaurant war. Und der Decke hängt eine riesige Skulptur, es gibt Sitzecken aus roten Ledersofas mit ganz hohen Lehnen, hinter denen man sich verstecken kann. Die Wand ist speziell verputzt und hat undefinierbare Rillen und Wölbungen, es gibt Lampen aus getrockneten Blättern und einen Kubus, der von innen mit dunkelrotem Samt ausgekleidet ist, mit kleinen samtigen Hockern und Tischchen und Origami-Kranichen. Die Toiletten sind jeweils einzeln in einem eiförmigen Gebilde untergebracht, ein ovales, mit Kupferblech beschlagenes Hüttchen. Diese Eihütten sind locker um eine Säule mit Waschbecken gruppiert. Wow! Es ist weder kitschig noch hippiemässig, noch improvisiert sondern einfach nur originell, ausgewogen, überraschend, mit Liebe zum Detail. Ein Augenschmaus. Und nicht nur das, man fühlt sich in diesem Raum wohl und behütet. Zudem ist das Essen sehr fein. Nach unserem sensationellen Mittagessen gehen wir kurz ins Museum für angewandte Kunst und Design und drehen nochmal eine Runde durch die Altstadt. Das haben wir jetzt aber gesehen. Zurück zum Hostel, noch einmal durch die Markthallen, wo wir Gemüse und eine Melone aus Usbekisten kaufen.

Mi, 14.8.13 Zug: Zug: Riga - Saulkrasti, 50 km. Saulkrasti - Tuja, Lettland, ca. 27 km

Wir schlafen schön lang aus. Dann frühstücken wir im Hostel. Das Büffet ist ganz ok (Vollkorntoast etc.), aber es gibt etwas wenig Platz in der Küche und im Wohnzimmer für all die vielen Gäste. Nach einem Spaziergang zum Markt und ein paar kleinen Fahrradreparaturen brechen wir auf.


Raus aus Riga fahren wir mit dem Zug. 50 Kilometer nördlich von Riga steigen wir in Saulkrasti aus und fahren dann einer Küstenstrasse entlang. Nach einem kurzen Zwischestop und einem Snack in einer Kafejnica im Blockhüttenstil geht unsere Tour weiter. Wir biegen links ab auf die A1 Richtung Tallin. Eine Schnellstrasse, ein Stück von der Küste entfernt. Die Strasse ist akzeptabel, nicht allzu stark befahren und es gibt einen grosszügigen Seitenstreifen. Trotzdem ist die Fahrt eher langweilig. Die Strasse, die vorbei rasenden Autos und immer der gleiche Wald links und rechts.


Unser Ziel ist Jelgavkrasti. Laut Radführer gibt es dort alles: Pension, Hotel, Camping. Als wir in diesem Ort ankommen, stellt sich aber heraus, dass es nur ein paar Häuser sind. Weit und breit keine Spur von Hotel oder Camping. Wir fahren ein Stück landeinwärts zum nächsten Dorf. Dort gibt es immerhin einen kleinen Laden, wo wir Wasser und Essen kaufen können. Piotr fragt dort nach einem Campingplatz und die Frau an der Kasse meint, dass es leider keinen gäbe. Aber nebenan sei ein Hotel, "very cheap, very cheap".... Wir wundern uns, denn nebenan steht ein schickes Landhotel mit einer protzigen Einfahrt, pikfein. Wir fragen trotzdem dort, ob sie ein Zimmer für uns haben. Ja, haben sie. 100 Euro pro Nacht. Wir lehnen dankend ab. Wenn die wüssten, wie lange wir mit 100 Euro reisen können... Die Hotelmitarbeiterin ist ganz betrübt, dass wir bei dem Regen wirklich zelten wollen und gibt uns noch ein paar Tips, wo wir es wegen einem Zimmer oder Campingplatz probieren können. Die Übernachtungsmöglichkeiten, die in unserem Reiseführer stehen, gibt es jedenfalls nicht mehr. Dann fahren wir halt weiter...

Wieder ein paar Kilometer zurück auf die A1, dann ein paar Kilometer weiter in Richtung Tallinn und schon finden wir ein Schild mit Campingplatz-Piktogramm. Wir folgen dem Schild in Richtung Küste und finden ganz nahe am Strand einen grossartigen Campingplatz. Direkt am Strand, eine etwas höher gelegene grosse Wiese mit ein paar Büschen und Bäumen, freier Blick aufs Meer, Picknicktische. Es stürmt wie verrückt, die Wellen tosen, Wolkenberge ziehen über den Himmel. Der Strand ist herrlich. Zudem hat es aufgehört, zu regnen. Nach einem Strandspaziergang gibt es Nudeln mit Tomatensosse, getrockneten Tomaten und Petersilie, dazu Gurkensalat mit Käse und den Rest der usbekischen Melone. Der Ort ist wunderschön, das Zelt steht im Windschatten einer Baumgruppe, die Nacht ist ruhig.


Do, 15.8.13 Tuja - Salcagriva, Lettland - Kabli, Estland, ca. 60 km

Als wir aufwachen, stürmt es immernoch und die Wellen rauschen ohrenbetäubend. Wir kochen Kaffee und frühstücken neben der Dusche unter einem Vordach. Wir versuchen uns an der vorgeschlagenen Alternativroute, der nicht asphaltierte Weg ist aber zu mühsam. Wir wollen wieder zurück auf die Schnellstrasse und landen auf einem sandigen Waldweg voller Querrillen, der wild mäandert. Kommt uns vor, als würden wir im Kreis fahren. Endlich sind wir zurück auf der A1. Es gibt heute viel Verkehr, vor allem LKWs, ausserdem ist die Strasse langweilig. Um die späte Mittagszeit sind wir in Salacgriva. 

Wir essen in einem modernen Mittagsrestaurant, sieht aus wie eine Kantine und schmeckt auch so. Nach ein paar Kilometern sind wir in Ikla und schon auf der estländischen Seite. Das erste, was uns auffällt, sind die gemähten Rasenstücke. Jede Rasenfläche im Dorf (und jeder Garten ist fast nur Rasen) ist perfekt grün, glatt und kurz gemäht. Wie ein Golfplatz. Wie uns schon angekündigt wurde, ist Estland tatsächlich noch eine Spur ordentlicher. Auch Lettland war sehr gepflegt, kein Stückchen Müll am Strassenrand und überall schöne Gärten mit Blumen.

 

Wir fahren weiter auf einer ruhigen Strasse parallel zur Küste durch Kiefernwälder hindurch und durch kleine Dörfchen. Manchmal ist der Blick frei auf das aufgewühlte, dunkle Meer mit Schaumkronen. Es weht. 

Gegen Abend halten wir Ausschau nach einem Campingplatz. In Kabli, kurz vor Hädemeeste, scheint es etwas zu geben. Im Wald an der Küste entdecken wir eine Art Naturlehrpfad und ein (geschlossenes) Besucherzentrum. Daneben ist eine Feuerstelle, eine Stapel Feuerholz, ein Waschbecken und Toilettenhäuschen. Wir sehen zwei Leuten mit Campingausrüstung im Wald verschwinden und folgen ihnen. Sie sind auf einer Wiese mit überdachter Feuerstelle und Picknicktisch. Der Mann erklärt uns, dass man hier gratis campen darf und dass es öffentliche Campingplätze seien. Wir fahren zurück zur grossen Feuerstelle beim Besucherzentrum und schlagen unser Zelt dort auf. 

Der Strand ist anders als bisher. Ein dichter Schilfgürtel trennt den Strand vom Wald, der Strand ist nur ein schmaler Sandstreifen. Der Wind pfeift uns um die Ohren und es ist verdammt kalt. Zurück am Zeltplatz nutzen wir das Holzangebot und machen ein grosses Lagerfeuer. 


Fr, 16.8.13 Kabli - Töstemaa, Estland, ca. 105 km 

Im Infozentrum finden wir eine Karte, die uns leider anzeigt, dass es keine weiteren von diesen tollen Campingplätzen auf unserer Route gibt. Wir frühstücken in Hädemeeste und fahren weiter auf der Schnellstrasse nach Pärnu. Zuerst war es eine ruhige Seitenstrasse, jetzt gibt es leider wieder mehr Verkehr und den immergleichen Wald auf beiden Seiten. Am Ortseingang von Pärnu gehen wir ganz gross Lebensmittel einkaufen und radeln über einen Fussweg ans Meer. Es bläst wie wahnsinnig. Der Sandstrand ist winzig, aber es gibt ein Meer von Schilf. Wir picknicken in der Sonne. Das Wetter ist jetzt wieder besser - ein Tag ohne Regen und mit Sonne. In Pärnu spazieren wir kurz über die Flaniermeile, ist nichts Spezielles, sieht eigentlich aus wie Kuldiga. 

Dann radeln wir raus aus der Stadt und fahren weit von der Küste entfernt durchs Land. Zuerst auf der Schnellstrasse, dann auf einer ruhigen Landstrasse durch winzige Dörfer und Orte, die aus nur drei Häusern bestehen. Wir nähern uns langsam unserem Ziel. Im Radführer sind überall Campingplätze und andere Unterkünfte eingezeichnet. Wir finden aber nichts davon. Leere Strassen, Totenstille. Wir wollen in Pootsi bleiben, da gibt es aber nichts. Weiter nach Seliste, da gibt es angeblich einen Campingplatz. Wir finden ihn aber nicht. Also weiter. Kurz darauf ist ein B&B angeschrieben, wir biegen ab und landen auf einem Feldweg, der sich kilometerlang durch Felder und Wälder schlängelt. Wir haben keine Ahnung, wie weit das B&B entfernt ist. Wir geben auf, fahren zurück auf die Strasse nach Tostammaa. Nirgendwo ein Campingplatz, nur verschlossene Häuser und bellende Hunde.


In Tostamaa ist dann endlich ein Campingplatz angeschrieben, wir folgen dem Schild und fahren aus dem Ort raus, wieder auf einer einsamen Strasse, die endlos durch Wälder und Felder führt. Weit und breit nichts von einem Campingplatz zu sehen. Es kommt uns komisch vor, wer weiss, ob es diesen Platz überhaupt noch gibt!? Also doch wieder zurück ins Dorfzentrum. Wir fragen bei einem Café und die Wirtin weist uns darauf hin, dass es gleich nebenan ein B&B gibt. OK, es ist verhältnismässig teuer, 32 Euro, es stinkt, ist dreckig. Aber urig. Und zudem alles, was wir im Moment haben können.

Wir sind anscheinend in einem Niemandsland gelandet. Nichts auf meiner Karte, die allerdings von 2006 ist, existiert mehr. Es ist so einsam und leer. Die meiste Zeit fahren wir auf Autostrassen. Die Landschaft ist langweilig, vor allem entlang dieser Landstrassen. 

Sa, 17.8.13 Tostamaa - Patsaalu - Virtsu - Liiva (Muhu), Estland, ca. 65 km

Wir haben die Krise. Es sieht aus, als ob der schönste Teil unseer Reise schon hinter uns liegt. Die traurigen, kleinen Dörfer, die Strassen so leer! Alle ist so still und verlassen. Selbst in den Ortschaften sieht man kaum einen Menschen auf der Strasse, keine Musik. Nur bellende Hunde, selten ein paar Kinder oder jemanden, der Rasen mäht. Wenn ich in einen Laden gehe, sind dort entweder alte Frauen, die Brot kaufen oder Männer jeden Alters, die Alkohol kaufen. Die stehen dann mit ihrem Bier an Bushaltestellen und Parkplätzen rum. In den meisten Dörfern gibt es nichts ausser einem Briefkasten, es gibt keine Kneipe, kein Café, keinen Laden. Ansonsten gibt es nur Wald, dichter Wald mit hohen Farnen und weichem, moosigem Boden, in dem man tief einsinkt. 


Wir stehen vor der Wahl, ob wir in Patsaalu auf dem direkten Weg nach Haapsalu fahren oder Inselhopping auf Muhu, Sareema und Hiiuma machen. Angesichts der tristen Lage und der Monotonie der Landstrassen entscheiden wir uns für die lustvollere Variante - die Inseltour. Dadurch wird es vielleicht zeitlich etwas knapp mit unserer Fahrt nach Tallin, aber vielleicht können wir irgendwo abkürzen. 

Kurz nach Patsaalu geraten wir auf eine nichtasphaltierte Strasse, die aber nicht so schlimm ist. Kurz vor Virtsu, nach etwa acht Kilometern, wird es nochmal ziemlich kiesig, aber auch das kriegen wir hin. In Virtsu wollen wir dann die Fähre auf die Insel Muhu nehmen. Vor einem Laden treffen wir einen anscheinend schon sehr lange reisenden, älteren Amerikaner (er hat schon fast die ganze Ostseetour gemacht und ist in Dänemark gestartet) und auch die zwei Spanier, die wir schon mehrmals auf dem Weg gesehen haben. Um 17:35 Uhr nehmen wir die Fähre. Ankunft in Muhu ist schnell klar: das war die richtige Entscheidung! Überall gibt es Campingplätze. Eine angenehme, nur mässig befahrene Strasse durch nette Landschaft mit Wald und Feld. Es ist schon touristischer hier, aber es ist auch angenehmer, wenn es genügend Campingmöglichkeiten gibt. 


So, 18.8. 13 Liiva (Muhu) - Orispare (Sareema) - Soru (Hiiuma), Estland, ca. 45 km

In den frühen Morgenstunden kommen die Hochzeitsgäste zurück auf den Campingplatz, vor denen die Campingmanagerin uns schon vorgewarnt hat. Und das war eine Rückkehr! Alle anscheinend stockbesoffen, das Autoradio voll aufgedreht, alle am mitgröhlen. Ach, morgens um zwei... Nicht mal mit Oropax hatte ich eine Chance, die Party auszublenden und weiterzuschlafen. Wir liegen stundenlang wach, kommen morgens nicht raus und sitzen erst um 11 auf den Rädern. Trotzdem sind noch alle Cafés im Ort geschlossen. Ohne Kaffee und Frühstück fahren wir über den Damm auf die Nachbarinsel Sareema. Das Wetter ist herrlich, sonnig, windig und warm. Die Landschaft ist sanft und schön. In Orisaare frühstücken wir, dann fahren wir an der Nordküste der Insel entlang. Die Strecke ist traumhaft. Meistens ist das Meer in Sichtweite oder wir fahren durch Kiefernwälder. Kurze Pause an einem Strandbad mit Campingplatz. Ein Traum, hier könnte man tagelang bleiben. Nach etwa 2 Stunden haben wir den Hafen der Fähre zur nächsten Insel erreicht. Mit Schrecken stellen wir fest, dass wir die letzte Fähre knapp verpasst haben und die nächste und letzte am Tag erst spät am Abend fährt. Wir müssen noch vier Stunden warten! Es ist ein herrlicher Ort zum Warten: Ein kleiner Hafen mit Anglern, ein kleines Fährhaus aus Holz, der Wind, das Meer. Trotzdem sind unsere Pläne, heute noch Haapsalu zu erreichen, zunichte gemacht. Der Zeitdruck wächst. Endlich kommt die Fähre, die Überfahrt dauert lange, fast eine Stunde. Unser Plan ist, auf Hiiuma so lange zu radeln, bis es stockfinster ist, vielleicht bis nach Kaina. Es ist jetzt 21 Uhr und es dämmert erst.

 

Kurz hinter dem Fährhafen auf Hiiuma bleiben wir an einer Abzweigung stehen, weil uns nicht ganz klar, ist welche Strasse wir jetzt nehmen müssen. Ein Mann mit Angelruten untern Arm, begleitet von zwei kleinen Jungs auf Fahrrädern, bleibt stehen und fragt uns, ob er uns helfen kann. Und meint auch gleich, dass wir gerne bei ihm übernachten können. Wir versuchen, vernünftig zu argumentieren, erklären unsere Verspätung und den Grund, warum wir noch ein paar Kilometer weiter fahren sollten. Er lässt aber nicht locker und wir geben nach mit dem Vorsatz, morgens um 5 Uhr aufzustehen und die zweite Fähre um halb 9 nach Haapsalu zu erwischen. 

Wir staunen, als wir dann vor dem Landhaus unseres Gastgebers stehen. Ein traditionelles rot gestrichenes Holzhaus, reetgedeckt. Er führt uns rein. Der Hintereingang ist über eine Scheune mit dicken Holzbalken. Dort gibt es eine Tischtennisplatte, Fahrräder und einen Kühlschrank voller Bier, wo wir uns bedienen sollen. Unser Gastgeber zeigt uns "unser" Dachgeschoss. Der Dachstuhl ist voll ausgebaut im schönsten Landhausstil mit weisser Holzverkleidung und edlen Blumentapeten. Wow. Unser Gastgeber zeigt und noch schnell die restliche Wohnung, wo wir uns auch aufhalten können. Ein traumhaft renoviertes Haus, dicke schwarze Holzbalken, Brokatsofa, sehr gemütlich und wie aus Schöner Wohnen. Da er noch mit seinem Nachbarn zum Saunieren und Filmschauen verabredet ist, drückt er uns noch sein iPad in die Hand, dazu die Fernbedienung für den Fernseher, Bettwäsche und Handtücher und weist uns auch nochmal auf das Bier im Kühlschrank hin. Wir sind verzaubert von dieser Grosszügigkeit und dem entgegengebrachten Vertrauen und natürlich auch von diesem Traumhaus! Er erzählt uns, dass es schon lange im Familienbesitz ist, es gibt einen traditionellen Erdkeller, eine alte Scheune und nebenan stehen noch ein paar Schafe von seinem Vater auf der Weide. Es ist das Sommerhaus der Familie, die sonst in Tallinn lebt. 

Wir nehmen uns einen Schlummertrunk aus dem Bierkühlschrank, sehen unsere morgige Route auf dem i-Pad nach und fallen dann ins Bett.

Mo, 19.8.13 Soru (Hiiuma) - Heltermaa - Fähre - Haapsalu - Rigaldi, Estland, 95 km

Wir stehen tatsächlich um 5 Uhr auf. Unten auf der Tischtennisplatte finden wir Wegzehrung: Joghurt, Bananen und Tomaten. So süss! In der Morgendämmerung brechen wir auf und wollen die 40 Kilometer zur Fähre schnell hinter uns bringen. Auf der Strasse begegnen wir vielleicht drei Autos. Auch um halb 8 ist nicht viel mehr los. Hier beginnen die Arbeitstage einfach später. Die Fahrt ist ruhig und einsam, es regnet wieder. Die Stille und die Leere sind vollkommen. Pünktlich erreichen wir den Fährhafen. 

Auf einer recht grossen Autofähre setzen wir aufs Festland über. Dann radeln wir noch 10 Kilometer bis nach Haapsalu, ein kleines, nettes Städtchen. Wir sitzen eine ganze Weile in einem stylischen Buchladen-Café und geniessen Quiche und Riesen-Caffè Latte. 


Nach einer langen Mittagspause ist es immer noch sehr früher Nachmittag. Wir machen uns auf den Weg, die restliche estnische Westküste nach Tallinn entlang zu radeln. Aus Haapsalu raus fahren wir auf einem angenehmen Radweg, dann geht es auf einer Landstrasse parallel zur Küste weiter. Wir sind etwas müde, 5 Uhr morgens war schon früh. Und der Weg ist eher eintönig. Nach einer Weile sind wir wieder näher an der Küste, sehen das Meer und fahren durch Kiefernwälder. Kurz hinter Rigaldi nehmen wir eine Abzweigung zur Küste hin zu einem "Holiday Village". Es ist eine Anlage mit vielen kleinen Holzhäuschen in einem Kiefernwald, direkt am Strand. Da morgen ein offizieller Feiertag ist, fragen wir erstmal an der Rezeption, ob wir feiernde Leute und Party erwarten müssen. Uns wird versichert, dass es nicht so sein wird. Der Zeltplatz-Bereich ist ganz unten am Strand und bis auf ein paar wenige Leute mit vielen Hunden total leer. Es ist wirklich sehr ruhig. Der Strand ist leer, das Kiefernwäldchen sandig und sonnig, das Meer rauscht. Schön, dass wir mal so früh an unserem Tagesziel angekommen sind. Zeit, um in der Sonne zu liegen und zu lesen.


Di, 20.8.13 Rigaldi - Nova - Kloogaranna, Estland, 77 km

Heute ist Feiertag in Estland: Tag der Unabhängigkeit. Nach einem supertollen Frühstück mit Buffet auf dem Campingplatz fahren wir am sehr späten Vormittag ab. Die Eurovelo 10 führt uns über einen ungeteerten Waldweg durch ein Naturschutzgebiet. Traumwald. Kiefern, ein moos- und heidelbeerbewachsener Boden, ganz weich. Wir stürzen uns auf die Beeren und essen bis wir blaue Zungen haben. Nach dem Heidelbeer-Wald ging es eher nichtssagend auf Landstrassen weiter. Der Himmel ist bedeckt, es ist grau. Aber zumindest ist es trocken. Mittagspause an einer Bushaltestelle im Wald, Eis vor einem Mini-Dorfladen. Durch Padise, Madise und auf einer Landstrasse nach Kloogaranna. Da sind wir endlich wieder am Wasser und überlegen uns, ob wir am Strand campen sollen. Am Ufer liegen aber bergeweise angespülte stinkende Algen. Also lieber noch ein Stückchen weiterfahren. Der nächste Ort, der nach Camping aussieht, ist das Kloogaranna Youth Camp. Es ist dann aber nicht wirklich ein Campingplatz... Es gibt keine Rezeption aber wir finden einen Mann, der die Campdirektorin anruft und uns das Telefon hinhält. Sie kann ein bisschen Englisch und bietet uns eines der Holzhäuschen für 22 Euro/Nacht an. Wir meinten zwar etwas anderes mit Camping, aber wir sagen trotzdem zu. 


Mi, 21.8.13 Kloogaranna - Tallin, Estland, ca. 45 km

Nun ja, es ist ein Youth Camp. Ausser uns sind nur Gruppen von Kindern und Jugendlichen da, viele sind anscheinend irgendwelche Sportmannschaften. Im Speisesaal gibt es morgens ein leckeres Frühstück, typisch estländisch: Porridge mit einem Klecks Marmelade, dunkles Roggenbrot, Wurst, Schinken, Käse, frische Tomaten und Gurken, Kaffee mit Milch. Im gesamten Baltikum wir nicht sonderlich süss gefrühstückt. Es gibt eher etwas Nahrhaftes, oft Porridge aus Hafer oder Buchweizen, Rührei, Wurst, Käse, Tomaten, Gurken, dunkles Brot, manchmal sogar Fisch (Lachs, Hering oder Räucherfisch auf Brot). Croissants, Cornflakes, Marmelade, Nutella oder Früchte gibt es hingegen nie. 


Der heutige Weg ist weniger spektakulär. Aber angenehmerweise ist es mal wieder sonnig! Leichter Wind, gelegentlich das Meer in Sichtweite, wenig Verkehr auf den Strassen. Schon etwa 20 km vor Tallin beginnt ein Radweg. 

Der Radweg führt uns direkt ins Tallinner Stadtzentrum. Unser gebuchtes Hostel finden wir gleich und das Zimmer ist auch ganz nett. Den Abend verbringen wir in der Altstadt. Die Stadt, um die sich so viele Touri-Geschichten ranken. Tatsächlich sind die Gassen und Stadthäuser ein pittoresker Mittelalter-Traum. Sorgfältig restaurierte Fassaden und Holztore. Die Altstadt ist gespickt mit hübschen Souvenirläden, touristischen Restaurants, kleinen Boutiquen, Bernsteinschmuckläden. Es schwankt zwischen überinszentiert und echt romantisch. Ein bisschen erinnert mich die Stadt an die Altstadt von Bamberg, Passau oder Wien. 

Was uns wirklich aus den Socken haut, ist das Restaurant, in dem wir speisen. Es ist eine Empfehlung aus einem Touristenführer. Zu Recht. Ein altes Stadthaus, auf noch älter getrimmt, mit dicken Holzbalken und vielen Grünpflanzen, dazu brokatbezogene antike Stühle und eine Beschallung mit norwegischer Shoegaze - Musik (Kings of Convenience - Versus). Hallo, das ist Ambiente!!! Zudem ist die Bedienung sehr freundlich, das Essen fantastisch. So eine Art Küche, die ich verehre, weil sie alles verwendet, was ich gerne habe: geröstete Samen, Sprossen, saisonale Salate und Gemüse, Tofu. Essen, das richtig glücklich macht. 10 von 10 Punkten für Restaurant Aed! Zum Dessert gehen wir in ein traditionelles Kaffeehaus, danach machen wir einen Abendspaziergang durch diese entzückende Stadt.

Do, 22.8.13 Tallinn

Ausgeschlafen! Gemächlich machen wir uns auf den Weg in den Norden der Stadt. Tallinn ist ja mehr als seine niedliche Altstadt. Nach fünf Minuten bleiben wir aber schon in einem Design-Café in Hafennähe hängen (Café Klaus). Kaffee, pochierte Eier, Waffeln mit Früchten. Keine Chance, daran kommen wir nicht vorbei. Dann ein Spaziergang entlang der Kulturmeile im Norden der Stadt am Ufer. Vorbei an einer riesigen Treppe, einem geschlossenem Gebäude, eine schmucke Ruine mit schöner Sicht aufs Meer, daneben ein Rummelplatz mit Riesenrad, das alte Gefängnis, dann der Hauptbahnhof mit dem russischen Markt. Dann noch mal rein in die touristische Altstadt, die uns jetzt tagsüber etwas zu touristisch und zu voll ist. In einem Supermarkt kaufen wir etwas zum Abendessen (u.a. HERINGS-Tiramisu!) und essen in unserem gemütlichen Hostelzimmer. Später gibts noch Beerenwein und einen schönen Abend.


Fr, 23.8.13 Fähre: Tallinn - Helsinki

Eine lange, schöne Fährefahrt nach Helsinki. 

Vom Fähreterminal fahren wir direkt zu unserem ersten Warmshowers-Gastgeber Johannes. Er wohnt mit seiner Freundin Jessica und ein paar Mitbewohner_innen in einem Haus mit Garten mitten im Botschaften-Viertel von Helsinki. 

 

Sa, 24.8.13 Helsinki

In Helsinki bei Johannes und Jessica. Rundfahrt durch die Stadt. Abendessen kochen. Sauna.

 

So, 25.8.13 Flugzeug: Helsinki - Zürich

Johannes hat uns geholfen, bei einem Fahrradladen in der Nähe Kartons für den Flug zu organisieren. Die Fahrräder sind ordentlich gepackt und nun stellt sich nur noch die Frage, wie wir zum Flughafen kommen. Zug kommt aus einem Grund, der mir gerade nicht mehr einfällt, nicht in Frage. Taxi geht nur, wenn der Sitz umgeklappt wird und somit kann dann nur eine Person im Auto mitfahren. Wir versuchen es mit der Taxi-Variante. Die zwei Kartons und Piotr fahren mit dem Taxi und Johannes bringt mich mit dem Motorrad zum Flughafen. Super!

 

Fahrräder und Gepäck eingecheckt, ab durch die Sicherheitskontrolle. Ich bin durch, Piotr wird aufgehalten. Er hat seine Dose mit Pfefferspray im Handgepäck vergessen. Und Pfefferspray ist eine illegale Waffe in Finnland. Er erklärt natürlich, dass er das total in der Tasche vergessen hat und dass er gerade eine Fahrradtour gemacht hat und es als Schutz gegen wilde Tiere und streunende Hunde mit sich führt. Das finnische Sicherheitspersonal zeigt Verständnis, ist nett, aber sagt auch, dass sie leider trotzdem die Polizei rufen müssen. Und wir sind schon spät dran, die Uhr tickt. Ich stehe derweil auch dumm rum, vor allem weil in meiner Tasche auch noch eine Dose mit Pfefferspray steckt. Komischerweise haben sie das bei der Kontrolle nicht bemerkt. Die Polizei kommt und sagt, dass sie öfters Tourenfahrer mit Pfefferspray erwischen, weil diese anscheinend nicht wissen, dass es in Finnland verboten ist. Sie sind nett, konfiszieren unsere Sprays und geben uns eine mündliche Verwarnung. Alles gut, schnell rein ins Flugzeug.