Zeitplan und Tagesetappen der Donaureise

Im Voraus hatten wir einen groben Zeitplan mit Tagesetappen à circa 80 Kilometer erstellt und auch Abkürzungen mit dem Zug mit einbezogen. Aber natürlich kommt es immer anders, als man denkt und man kommt entweder langsamer oder schneller voran. Letztendlich entschieden wir recht spontan, wo unser Tagesziel sein sollte. 

 

Unsere Reisezeit war 36 Tage, 9. Juli bis 13. August. Die Gesamtstrecke etwa 3000 km, 2500 km mit dem Fahrrad auf dem Donauradweg, den Rest mit dem Zug.

Reisetagebuch

Die Etappenbeschreibungen stammen aus Natalies Reisetagebuch. Sie enthalten daher neben allgemeinen Infos zur Route und zum Donauradweg ganz und gar subjektive Eindrücke und persönliche Erlebnisse ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Allgemeingültigkeit.

Donauradweg: Donaueschingen - Sigmaringen (D)

09-07-2012: 98 km

Unsere Fahrt beginnt in Donaueschingen mit der Besichtigung der Donauquelle. Die Donau ensteht zwar aus den zwei Quellflüssen Brigach und Breg, aber der gefasste Quelltopf im Schlosspark von Donau- eschingen wird offiziell als Donauquelle bezeichnet.

Zwischen Tuttlingen und Sigmaringen erleben wir schon am ersten Tag ein Highlight der Donaureise. Der Radweg führt uns durch den Naturpark Obere Donau, ein wunderschönes, wildes Flusstal mit viel Wald, Wiesen und schroffen Felsen. Mitten im Tal gönnen wir uns ein frühes Abendessen im Restaurant Jägerhaus. Da gibt es Fleisch vom Zebu-Rind aus eigener Zucht. Über Nacht bleiben wir auf dem Campingplatz back&out in Sigmaringen. 

Donauradweg: Sigmaringen - Munderkingen -- Ulm -- Ingolstadt (D)

10-07-2012: 55 km + ca. 200 km mit dem Zug

Von Sigmaringen nach Munderkingen ist die Strecke eher eintönig, vor allem wenn man vom Vortag noch vom wunderschönen Donautal verwöhnt ist. Viele Wiesen, Mais- und Getreidefelder. Gelegentlich fährt man durch fürchterlich biedere oberschwäbische Kleinstädte wie z.B. Mengen.

In Munderkingen nehmen wir den Zug nach Ingolstadt, wo wir auf dem Azur Camping am Auwaldsee übernachten wollen. Wir kommen aber erst um 21:40 am Bahnhof an, sind zuerst orientierungslos und werden dann auch noch in die falsche Richtung geschickt. Wir geben auf, da der Campingplatz seine Tore um 22 Uhr schliesst. Ein netter Taxifahrer erklärt uns, wo wir ein günstiges Hotel und die Jugendherberge finden. Letztendlich übernachten wir im Hotel Anker, wo wir netterweise einen Fahrradfahrer-Spezialpreis bekommen. Trotzedem ist es die teuerste Übernachtung der gesamten Reise. Für eine heisse Dusche, ein schönes Zimmer und ein gutes Frühstück hat es sich aber gelohnt.

Donauradweg: Ingolstadt – Kapflberg (D)

11-07-2012: 65 km

Ingolstadt macht einen angenehmen Eindruck, schöne Flussufer und viel Platz. Stadtauswärts fahren wir durch wunderschöne Flussauen, dann auf Damm- wegen, die Donau ist jetzt schon recht mächtig. Wir fahren vorbei an Kraftwerken mit riesigen Schloten und Röhren. In einem kleinen schmucken Dörfchen gibt es Kaffee und Kuchen in einer Bäckerei. Etwas entfernt von der Donau geht es weiter übers Land, durch weite Felder, Wiesen und Hopfenplantagen. Beim Kloster Weltenburg nehmen wir das Schiff nach Kelheim und fahren so durch den Donaudurchbruch. Nette Schifffahrt. Danach führt eine eher langweilige Strecke nach Kapflberg.

Wir übernachten auf dem Campingplatz „Donaulände“ in Kapflberg direkt an der Donau. Abendliches Picknick am Donauufer mit Wurst und Käse von der Alp und Sonnenuntergang.

Donauradweg: Kapflberg – Straubing -- Passau (D)

12-07-2012: 82 km + ca. 80 km mit dem Zug

Da es auf dem Campingplatz kein Frühstück gibt, sind wir froh um den Tip, den uns ein Imbissbesitzer am Vorabend gegeben hat. Wir radeln zur empfohlenen Metzgerei, wo wir Kaffee, Bretzel mit Obatzda und Würstchen und Nussecken frühstücken. Gestärkt radeln wir weiter nach Regensburg, wo wir uns nur kurz aufhalten. Nachmittags fahren wir wieder ewig durch Maisfelder und sehen immer wieder Schilder, die uns auf die die Gaststätte „Radleroase“ hinweisen. Wir beschliessen, dort Kaffee zu trinken. Als wir dort ankommen, stehen wir vor einem Haus mit Garten. Und in diesem Garten steht ein kleiner weisser Partyzelt-Pavillon mit Bierbänken drin. Ich klingle also an der Haustür, und tatsächlich, das ist die Radleroase. Die Dame des Hauses hat Kaffee und selbstgebackenen Kuchen im Angebot und es gibt verschiedene kleine Gerichte wie belegte Brote und Wienerle mit Senf. Kurz nach uns kommen eine italienische Familie auf Rädern und zwei Wanderer an. Jetzt ist das Zelt voll. Witzige Idee, mit dem Café im Garten. Es gibt sogar die obligatorische Toilette: ein Dixie-Klo im Hof nebenan (perfekt sauber!). Wir unterhalten uns kurz mit den Wanderern. Einer von den beiden wandert von Böblingen (D) nach Wien und dann noch weiter nach Tschechien. Er sagt, als Wanderer sei er eine Rarität und überall würde er gefragt werden, wo denn sein Fahrrad sein.

Unser nächster Stop ist Straubing, von dort aus nehmen wir den Zug nach Passau. Passau fasziniert uns. Eine wunderschöne, magische, romantische Stadt zwischen 3 Flüssen, eine Art bayrisches Florenz. Etliche Burgen, Kirchen, enge Gässchen, wehende Fahnen, Brücken, Schiffe. Wir übernachten auf dem Camping Ilzstadt, ein winziger und sehr schöner Zeltplatz (und nur für Zelte!) direkt am Fluss mit netten Betreibern. Man kann sogar ein Frühstück für den nächsten Morgen buchen.

Donauradweg: Passau (D) – Ottensheim (A)

13-07-2012: 82 km

Es regnet. Nach einem gemütlichen Frühstück im Campingplatz-Restaurant fahren wir raus aus Passau. Der erste Teil der Strecke ist nicht so toll und führt eine Weile an einer dicht befahrenen Strasse entlang, dann wird es wieder angenehmer. Kurzer Aufenthalt am Kraftwerk Jochenstein, Blick in die Ausstellung zum Thema Wasser im "Haus am Strom". Dann geht es weiter zur Donauschlinge, auf ruhigen Radwegen fahren wir durch ein natürliches, wildes und sehr schönes Donautal. Am Ende der Tagesetappe nehmen wir die Drahtseilfähre ans andere Flussufer, nach Ottensheim, und radeln noch ein paar Kilometer bis zum Campingplatz Hofmühle. Ein kleiner Campingplatz, etwas vernachlässigter Ort, das Wirtshaus gegenüber, das wohl auch dem gleichen Betreiber gehört, ist stilvoll renoviert, gemütlich und es gibt Essen und Bier.

In Ottesheim gibt es übrigens auch noch das berühmte Parkhotel. Das sind zu Mini-Hotelzimmern ausgebaute Kanalröhren aus Beton, die im Stadtpark aufgestellt sind. Wir hätten uns natürlich sofort dort eingemietet, genau am Tag unserer Ankuft war aber rund um die Röhren ein Open Air Festival.

Donauradweg: Ottensheim – Linz – Mauthausen -- Grein (A)

14-07-2012: 30 km + 25 km mit dem Zug

Über Nacht, vermutlich durch die Feuchtigkeit, hat sich die Gangschaltung an Piotrs Fahrrad irgendwie verstellt, in Linz finden wir aber mithilfe der Touristeninformation schnell einen Fahrradladen. Dort wird dann auch prompt die Schaltung wieder repariert. Nach einem Frühstück gehen wir ins Linzer Ars Electronica Center. Ein Museum für neue Medien, neue Technologien und Forschung mit wirklich innovativen Ausstellungen, sehr interaktiv und medial. Überall sind Vermittlungspersonen unterwegs, die mit den BesucherInnen in Dialog treten. Ein must see.

Bei der Weiterfahrt regnet es wieder wie verrückt. Eine nasse Fahrt bis zur Velofähre in Mauthausen. Die Fähre bringt uns ans andere Ufer, dort fahren wir mit dem Schienenersatzverkehr, tatsächlich ein Bus mit Fahrradanhänger!, nach Grein. Ein süsses Städtchen am Rande der Wachau. Wir übernachten auf der Bauernhof-Pension Maierhof am Ortsrand auf dem Hügel, idyllisch, mit Aussicht auf Grein und Kälbern im Stall. Unsere Gastgeberin ist eine herzige, ältere Bäuerin und es gibt ein Glas Most in der Laube vor dem Haus. Die Übernachtung ist inklusive Frühstück und das ist sehr reichhaltig. Es gibt Kaffee und Orangensaft, leckeres Brot, selbstgemachte Marmelade, Honig, Wurst und Käse. Und das alles am Stubentisch. Perfekt.

Donauradweg: Grein – Melk – Spitz – Krems (A)

15-07-2012: 90 km

Die Fahrt führt uns in die Wachau. Marillen an jeder Ecke! Zufällig hat genau am 15. Juli die Marillenernte begonnen. An den Strassenständen, wo kistenweise Marillen angeboten werden, herrscht emsiger Betrieb, ein Run auf die frischen Marillen. Ganze Reisebusse karren die Kundschaft an. Ansonsten Marillen- plantagen, Marillenfeste, Marillencafés mit Marillenkuchen, Marillenknödel und Marillenmarmelade, die vor Häusern feilgeboten wird und die man gegen Einwurf ins Kässchen mitnehmen kann. Die Wachau ist wunderbar, eine ganz liebliche Landschaft aus Weinbergen, Marillenhainen, der Donau, Felsen und pittoresken kleinen Ortschaften. Hier ist auch Willendorf, wo die berühmte Venus-Figur gefunden wurde. Kurz hinter Spitz landen wir auf einem Dorffest und essen dort Feuerfleck zu Grünem Veltliner. Volksmusik und Leute in Trachten. Wir sind berauscht von Wachau, Marillen, Veltliner.

Unser Etappenziel ist Krems, wo wir auf dem ÖAMTC-Campingplatz  "Donaupark" übernachten (empfehlenswert: unkompliziert, gepflegt, zentral). In Krems ist natürlich gerade das Marillenfest, wo wir uns einen Marillenlikör genehmigen. Danach gehen wir zum Heurigen. Über den Dächern von Krems, mit wundervoller Aussicht über die Stadt und zum Schloss essen wir eine Brotzeit und einen Marillenkuchen beim Heurigen Hamböck. Wieder ein Highlight unserer Reise!

Donauradweg: Krems – Wien (A)

16-07-2012: 95 km

Nicht ganz so regnerisch heute. Seit die Donau schiffbar ist, sehen die Wege immer gleich aus. Meistens fahren wir auf Dammwegen, flach und gerade, gesäumt von Pappeln und Weiden. Wir fahren durch ein Dorf nach dem anderen, mal direkt an der Donau, mal entlang der natürlichen Altarme.

Mittagspause in Tulln, mit Picknick an der Strasse auf einem Parkplatz. Der Weg nach Wien rein zieht sich hin. Nach einigem Suchen und netter Hilfe von einem Wiener finden wir unseren Campingplatz „Aktiv Camping Neue Donau“: ein trostloser Ort, eingequetscht zwischen Schnellstrasse, Autobahn und einer Bahnlinie für Güterzüge. So charmant wie eine Autobahn-Raststätte. Es ist entsetzlich laut, voll und dreckig. Und bisher der teuerste Campingplatz: 21 Euro für 2 Personen und ein Zelt pro Nacht. Pluspunkt: zentral, U-Bahnhaltestelle gleich ums Eck, gut ausgestattet mit Waschmaschine, Shop etc.

 

17-07-2012: Ruhetag in Wien

Wir gönnen uns einen Ruhetag, um ein bisschen in Wien zu flanieren. Vormittags fahren wir mit der U-Bahn in die Stadt und gehen ins MUMOK. Dann noch ein kleiner Einkaufsbummel rund ums Museumsquartier und Bewundern der prächtigen Architektur. Eigentlich wollten wir noch ins Naturhistorische Museum aber es hatte zu. An einem Dienstag! Unser Versuch, echte österreichische Knödel zu futtern ist dann kläglich gescheitert. Wir gehen in ein Wirtshaus, das gutbürgerlich aussieht. Eigentlich hätten wir die Flucht ergreifen sollen, als wir auf der Karte Cevapcici als die Empfehlung des Hauses sehen. Wir waren aber hungrig. Und so haben wir mit Müh und Not trockene Fertigknödel aus der Packung runtergewürgt und uns auch mit dem faden, wässrigen Eisbergsalat nicht trösten können. Dann bleiben eben die Marillen der kulinarische Höhepunkt in Österreich.

Donauradweg: Wien (A) – Bratislava – Cunovo (SK)

18-07-2012: 90 km

Die Ausfahrt aus Wien führt auf einem Radweg direkt an der Donau entlang, durch die Flussauen. Schöne Morgenstimmung. Wir sehen angenagte Bäume: Gibt es Biber in Wien? Überall am Fluss gibt es kleine Badestege, wenn es nur wärmer wäre! Ich glaube, in Wien kann man im Sommer so richtig die Donau geniessen. Wir machen eine Pause bei einem Restaurant in Hainburg mit dem angeblich grössten Eiskaffee überhaupt. Und tatsächlich! Auf unseren Gläsern trohnt ein halbes Kilo Vanilleeis, gekrönt mit einer Mega-Haube Schlagsahne. Mhhhm, sehr lecker, her mit den Kalorien!

Wir fahren weiter nach Bratislava und somit in die Slowakei, die Strecke ist nicht wahnsinnig interessant. Und Bratislava ist auch nicht sonderlich attraktiv, aber es gibt einen Oxford-Buchladen, wo ich mir neue Reiselektüre kaufe. Und es gibt einen nagelneuen Billa, wo wir unsere Futtervorräte auffüllen. Da wir in der Stadt keinen Campingplatz finden und uns auch die Touristeninfo nicht weiterhelfen kann, fahren wir wieder aus der Stadt raus. Auf dem Radweg sind Hunderte von Slowaken mit Inline-Skates unterwegs, scheint hier ein Trend zu sein. Wir fahren noch weiter und sind irgendwann auf einer Art Landstrasse, die aber ausschliesslich von Inlinern und Fahrradfahrer genutzt wird, Autos fahren nur auf einer Strasse in der Nähe. Kurzer Stop an einem romantischen Badesee am Waldrand. Nach weiteren Kilometern finden wir in Cunovo (ca. 20 km flussabwärts von Bratislava) endlich einen Campingplatz. Er war zwar nicht angeschrieben, aber wir sind auf einen Wassersportpark mit Hotel gestossen, direkt an einem Seitenarm der Donau. Mit Angeboten wie Jetski, Kanufahren, Kajak, Rafting usw. Wir fragen und tatsächlich, es gibt Platz zum Campen. Wir sind die einzigen Gäste. Eine riesige, schöne Wiese am Flussufer, neben uns eine Weide mit zwei winzigen Ponys.

Donauradweg: Cunovo (SK) – Komarom (HU)

19-07-2012: 100 km

Der Anfang dieser Tagesetappe ist eine meiner Lieblingsstrecken. Stundenlang fahren wir auf einem flachen Dammweg entlang der begradigten Donau. Der Fluss fliesst in einer Betonrinne, es gibt nichts Natürliches mehr. Schnurgerade. Monoton und kontemplativ. Und es ist endlich mal sonnig und heiss. Zum ersten mal fahren wir stundenlang, ohne Radtouristen zu sehen. Wir sind allein unterwegs, vor und hinter uns niemand.

Unterwegs machen wir Rast an einer Tankstelle, es gibt Sandwiches, üppig mit Salami belegt. Die interessieren auch den Hundewelpen, der mit uns am Tisch sitzt und herzallerliebst ist. Später wechseln wir das Ufer und plötzlich müssen wir gegen starken Gegenwind anstrampeln. Die Radroute führt jetzt auch nicht mehr stur der Donau entlang sondern durch einige Dörfer. Das erste Mal seit Beginn unserer Reise ist die Route nicht mehr perfekt ausgeschildert. Wir verfahren uns. In den Dörfern gibt es zwar viele Eurovelo- Schilder, blöderweise wurden sie fast alle abgebrochen, immer an der Seite mit dem Pfeil. Wir landen irgendwann auf schottrigen Dammwegen und irren in der Hitze umher. Gegen Abend fahren wir auf der Autostrasse durch Wurmdörfer. Überall Tierleichen am Strassenrand, verfallene Häuser, verrostete Autos, Schrott im Garten. Die Dörfer machen so einen tristen, verwesenden Eindruck. Jammerig und lebensunlustig. Wir fahren ewig weiter durch Dörfer, Mais- und Getreidefelder. Auf Strassen, gesäumt von Tierkadavern und Nussbäumen.

Wir erreichen unser Ziel, Komarom, und somit Ungarn. Wir übernachten auf einem schönen Campingplatz und während wir ein fantastisches Abendessen im Restaurant nebenan haben, sogar mit deutschsprechendem Wirt, schüttet und stürmt es draussen mal wieder. 

Donauradweg: Komarom – Vac -- Budapest

20-07-2012: 100 km + ca. 50 km mit dem Zug

Ungarn ist eine Wohltat. Der Radweg (Eurovelo 6) ist wieder ausgeschildert und in gutem Zustand, oft müssen wir aber auf den Autostrassen fahren. Insgesamt erscheint alles viel positiver als in der Slowakei: die Gärten sind gepflegter, das Gras grüner, die Leute entspannter. Überraschenderweise sprechen wahnsinnig viele Ungarn Deutsch. Wahrscheinlich noch aus den Zeiten, als Ungarn in den deutschsprachigen Ländern ein beliebtes Urlaubsziel war.

Mittagspause in Esztergom, dann weiter nach Vac. Von dort mit dem Zug nach Budapest rein, dort sind wir erst mal orientierungslos. Die Touristeninfos, die in meinem Reiseführer stehen, sind nicht auffindbar. Einen Stadtplan haben wir nicht. Wir fragen Leute auf der Strasse, bis uns dann ein Tourist in eine bestimmte Richtung schickt, wo viele Hostels seien. Auf dem Weg dorthin fragen wir noch in einem Hotel, der Rezeptionist gibt gerne Auskunft und noch einen Stadtplan dazu. Kurze Zeit später finden wir das Colors Hostel und das Suite Hostel, nur mit winzigen Schildchen am Eingang angeschrieben. Das eine Hostel ist ausgebucht, das andere hat zum Glück noch ein Doppelzimmer (Suite Hostel) für uns. Wir bugsieren das Gepäck und die Räder in einem winzigen, altersschwachen Lift in den 4. Stock und beziehen unser Zimmer. Das Hostel ist ziemlich chaotisch und unordentlich, das Zimmer aber nett. Wir teilen uns die Wohnabteilung mit jungen Franzosen auf Balkan-Sauftour. Später machen die Franzosen den „Booze Cruise“ vom Hostel und wir einen kleinen Stadtspaziergang. Budapest ist Wahnsinn, wie eine Mischung aus Wien und Istanbul. Riesige, prachtvolle Architektur, barocke, übermächtige Fassaden. Männer essen aus Mülltonnen. Über der Donaubrücke fliegen Schwärme von weiss leuchtenden, riesigen Fliedermäusen. Die Stimmung ist vampirisch und magisch.

 

21-07-2012: Ruhetag in Budapest

Zur Morgenstund: die Sauffranzosen haben die Klobrille abgerissen und den ganzen Boden vollgepisst. Einer liegt splitterfasernackt auf dem Sofa. Wir frühstücken derweil auf unserer privaten Dachterasse. Da das Doppelzimmer nur für eine Nacht frei war, machen wir uns auf die Suche nach einem Hostelzimmer für die nächste Nacht. Wir buchen bei unserem Nachbarhostel (Colors Hostel) im gleichen Gebäude. Da können wir die Fahrräder gleich lassen, wo sie sind.

Wir flanieren durch die Stadt, auch bei Tag wunderbar. Sind immernoch beeindruckt von der riesigen Architektur. Wir bleiben kurz in einem coolen Secondhand- und Designer – Laden (Retrock)  hängen und ich MUSS mir ein Katzen-Shirt kaufen. Dann gehts weiter zum Parlament und wieder zurück an der schönen Donaupromenade entlang. Später fahren wir noch mit der Zahnradbahn und gehen zur Fischerbastei und über die Kettenbrücke. Alles ist überdimensional, überall Löwenskulpturen. Ich frage mich, wie wohl der Rest von Budapest aussieht, ausserhalb des Zentrums. Wir müssen irgendwann zurückkommen und die Stadt mit mehr Zeit erkunden.

Donauradweg: Budapest – Tass (HU)

22-07-2012: 95 km

Die Nacht war angenehm, das Frühstück gut. Das Colors Hostel ist top! Und verwirrende Beschilderung auf dem Weg raus aus Budapest, wir verfahren uns. Unterwegs treffen wir ein älteres Paar aus München, die schon seit Jahren Radtouren durch Europa machen und auch schon unsere Route gefahren sind. Dann radeln wir auf einem hübschen, gut ausgeschilderten Radweg an der Donau und einem Nebenfluss entlang. Es geht durch einige Ortschaften, in jedem Garten, hinter jedem Zaun, hinter jedem Tor, auf jeder Terasse gibt es einen oder viele Hunde. Der zweite Teil der Etappe führt durch eine schier endlose Feriensiedlung, ein Ferienhäuschen neben dem anderen und es nimmt kein Ende. Der Weg ist miserabel, gespickt mit Schlaglöchern oder einfach nur Schotter, wir kommen nur langsam voran. Nach 40 km sind wir endlich am Ende der Siedlung. In Tass fahren wir über einen Damm auf eine Insel mit Campingplatz. Ein vergessener Ort. Die Campinggebäude sind uralt, die Leute auch. Die Betreiberin reagiert, als würden sich niemals Ausländer auf ihren Campingplatz verirren. Ausnahmsweise spricht mal niemand Deutsch. Englisch auch nicht. Wir schlagen unser Zelt am Ufer auf, im Wasser treibt ein toter Fisch, darauf sitzt ein Frosch. Am Steg ist ein riesiger Fisch festgebunden. Nachts rauscht der Wind durch die Pappeln und das Wasser im Fluss.

Donauradweg: Tass – Faisz (HU)

23-07-2012: 90 km

Auf dieser Etappe haben wir die erste und letzte Panne. Mein Vorderreifen ist platt, ein Nagel steckt drin. In einem kleinen Dorf flicken wir den Reifen, direkt am Dammweg. Drei magere kleine Kätzchen trinken gierig unseren Kaffeerahm. Wir kaufen in einem kleinen Laden Brot und Obst und Paprika. Weiter gehts. Wir fahren auf dem Damm und durch kleine Dörfer, alle sehen gleich aus. Sie sind sauber und gepflegt, aber ausgestorben, verlassen, unbelebt. Die jungen Frauen sind schlank und schick, die jungen Mütter sind dick und ungepflegt, die Dörfer sind voller dicker Mütter und Väter in Schlabberhosen mit kleinen, dünnen Kindern. Deprimierend. Die Autofähre in Faisz, die wir auf unserer Karte sehen, gibt es nicht mehr, das heisst, wir kommen nicht auf die andere Flussseite, wo es einen Campingplatz gibt. Wir bleiben am Fluss und suchen uns einen versteckten Ort, direkt am Ufer zwischen den Weiden und stellen unser Zelt auf. Abgesehen vom Mückenterror ist es eine wunderschöne Abendstimmung am Fluss. Ein kurzes Bad und endlich sitzen mir mal ganz in Ruhe am Fluss und starren aufs Wasser. Eine friedliche Nacht, selten so gut geschlafen.

Donauradweg: Faisz – Mohacs (HU)

24-07-2012: 70 km

Start am frühen Morgen. Endlich geteerter Radweg. Wir fahren durch ein schönes Naturschutzgebiet. Stuten und Fohlen auf einer Weide am Dammweg. Ein Hirte mit Hund und Rindern. Ein Hirte mit Schafen. Ein sterbendes Schaf am Wegesrand. Entlang der Dämme schneiden immer wieder Gruppen von Männern mit Sensen das Gras. Es scheint eine Art Landschaftspflege zu sein, damit der Damm nicht zuwuchert und als Weidefläche nutzbar bleibt. Teilweise schneiden sie Schilf und Gestrüpp, manchmal auch unter den Pappeln, die zwischen Fluss und Damm wachsen. In Baja machen wir Mittagspause. Wieder ist der Ort so leer. Viele der Geschäfte sind geschlossen, viele Gebäude sind zu verkaufen. Wir essen an einer Flusspromenade mit einer ganzen Reihe Restaurants, scheint eine Tourimeile zu sein. Piotr ist überrascht, als Kind hat er oft mit seinen Eltern den Sommerurlaub in Ungarn verbracht und damals war alles brechend voll mit Urlaubern, überall touristische Angebote, viel Betrieb und Leben. Das ist jetzt auf jeden Fall nicht mehr so. Wir essen in einem italenischen Restaurant, zu spät sehen wir, dass der Imbiss nebenan Fisch im Brot anbietet.

Nachmittags regnet es wieder. Wir fahren auf Landstrassen, hauptsächlich aber auf ruhigen Dammwegen. Nur kurze Wegabschnitte sind geteert, der Rest ist sandig mit holprigen Querrillen. Bei Dunafalva (Donaudorf) spricht uns eine Ungarin auf Deutsch an und fragt, wohin wir fahren. Vielleicht eine Donauschwäbin? Etwas später erreichen wir den Campingplatz Admiralis direkt bei der Fähre nach Mohacs am anderen Flussufer. Wir sind mal wieder die einzigen Camper. Es gibt auch noch kleine Holzbungalows auf Stelzen, ein paar sind bewohnt, ansonsten ist nichts los. Wieder ausgestorben, vergangener Touristenglanz.

Donauradweg: Mohacs (HU) – Apatin (SRB)

25-07-2012: 70 km

Nachts hat es geregnet und es gab einen nassen Start in den Tag. Mir tut das Genick weh, Piotr hat Gliederschmerzen. Wir fahren auf einem sandigen Dammweg durchs Naturschutzgebiet zur Grenzstadt Hercegszántó (HU). Wir begegnen einigen Schafhirten und an den Waldrändern am Damm stehen reihenweise Bienenstöcke. Als wir anhalten, hören wir nur das Summen von Millionen von Bienen. Vorbei an Bauernhöfen, hinter jedem Tor gibt es mehrere Hunde, manche frei, manche an der Kette. Kurz vor Hercegszántó führt uns eine ruhige Landstrasse durch gepflegte, einsame Dörfchen und vorbei an Gutshöfen aus Backstein.

Gleich hinter dem Grenzübergang nach Serbien kommt uns eine niederländische Familie auf Fahrrädern entgegen, die auf dem Weg nach Ungarn ist und uns netterweise ihr restliches serbisches Geld schenkt. Wir machen Pause in der nächsten Stadt und mal wieder erklärt uns eine Frau auf Deutsch den Weg. Es scheint immer jemand Deutsch  zu sprechen, auf jeden Fall kommt man damit besser durch als mit Englisch. Wir fahren zuerst ein Stückchen Richtung Kroation, dann aber doch weiter auf einem Dammweg durchs Naturschutzgebiet (Alternativroute) um auf der serbischen Seite direkt an der Donau nach Apatin zu kommen. Die Auffahrt auf den Damm ist nicht einfach zu finden, wir irren ein bisschen in der Gegend rum. Für einen kurzen Moment gruselt uns diese Grenzregion zwischen Serbien und Kroatien. Irgendwo vor einem seltsamen Gebäude steht eine Gruppe Zimmermänner in Wanderschafts-Tracht und mit Zylindern. Ansonsten ist die Gegend leer und wir sind allein. Fahrradtouristen sind uns schon lange nicht mehr begegnet. Unsere Fahrt führt uns wieder durch die typische Dammlandschaft mit gemähten Wiesen, Bienen, Pappeln und Weiden und diesmal auch mit Wildschweinen. Der Weg ist holprig, sandig und sehr einsam. Unterwegs treffen wir auf einen Mann, der uns nochmal den Weg erklärt und uns ein Restaurant in Apatin empfiehlt. Sehr nett. Weiter gehts auf dem Damm und auf der Suche nach einem schönen Picknickplatz machen wir einen Abstecher in ein modriges Feriendörfchen, wo wir kurz am Ufer sitzen. Dort grüssen uns mit viel Radau Kanufahrer. Nach einem Stück auf dem Dammweg kommen wir nach Apatin. Gleich am Ortseingang, neben einem geräumigen Hafen für kleinere Boote, sehen wir etwas, das eine Unterkunft sein könnte. Tatsächlich bekommen wir dort ein anscheinend nigelnagelneues Zimmer mit eigenem Bad, Kochnische und Balkon zum Hafen hin.

Vom Balkon aus sehen wir immer mehr Kanufahrer im Hafen ankommen, unter Flagge von verschiedenen Ländern, auch die Kanufahrer, die uns vorher gegrüsst hatten. Das Hafenbecken und das Restaurant nebenan werden mit einer wilden Mischung aus Pop, Balkanmusik und Donauwalzer beschallt. Seltsame Szenerie. Das Restaurant füllt sich mit Kanufahrern und eine Folkloreband tritt auf. Die folgende Ansprache klärt dann einiges auf: die Bootsfahrer sind Teilnehmer einer jährlichen und internationalen Kanutour, der „Tour International Danubien“ und in Apatin ist heute das Ende einer Tagesetappe. Später tanzen die Kanufahrer noch zum Donauwalzer.

Donauradweg: Apatin (SRB) – Vukovar – Ilok (HR)

26-07-2012: 95 km

Am Morgen radeln wir ins Zentrum von Apatin und machen uns auf die Suche nach dem Bahnhof. Wir würden gerne abkürzen und mit dem Zug nach Novi Sad fahren. In der Fussgängerzone von Apatin treffen wir zufällig den Mann von gestern auf dem Damm wieder. Mit Händen und Füssen verklickert er uns etwas über den Bahnhof, dann kommen noch vier Männer dazu und jeder will uns helfen. Letztendlich erklärt uns einer auf Englisch, dass es in Apatin keinen Bahnhof (mehr) gibt und dass wir in einen Nachbarort fahren sollen, wo mehrmals täglich einen Zug nach Novi Sad hält. Wir fahren dorthin, die Autostrasse entlang. Am Bahnhof gibt es dann weder einen Fahrplan noch irgendwelche Menschen, geschweige denn einen Automaten oder einen Zug. Einfach nichts ausser einem runtergekommenen Gebäude und Gleisen. Wir fahren also mit dem Rad weiter.

Die Route auf der serbischen Seite sieht auf der Karte nicht so toll aus und wir beschliessen, auf die kroatische Seite zu wechseln. Kurz nach der Grenze in Kroatien begegnen wir einem müde und deprimiert aussehenden Radtouristen aus Ungarn, ein paar Kilometer weiter machen wir Mittagspicknick in einem hübschen Stadtpark am Donauufer. Später fahren wir durch Vukovar, überall zerschossene und verfallene Häuser. Dann geht es auf wenig befahrenen Landstrassen weiter. Richtung Ilok wird es ziemlich hüglich und anstrengend. Wir schlängeln uns über kurvige Dorfstrassen mit fiesen Steigungen. Endlich kommen wir in Ilok an und werden mit einer herrlichen Aussicht auf die Donau unterhalb von uns belohnt. Wir hatten sie auf unserer Route stundenlang nicht gesehen.

Unerwarteterweise finden wir in dieser kleinen Stadt ein cooles Hostel, das Cinema Hostel. Es ist im ehemaligen Stadtkino, das alte Gebäude ist renoviert und originell umgebaut. Der Kinosaal ist jetzt ein Club für Konzerte und Partys, es gibt eine stylische Bar und eine gemütliche, rustikale Pizzeria. Es gehen eine Menge bestellte Pizzen raus, aber in der Bar und im Hostel sind wir die einzigen Gäste. Mal wieder.

Donauradweg: Ilok (HR) – Backa Palanka – Novi Sad -- Belgrad (SRB)

27-07-2012: 70 km + 90 km mit dem Zug

Im Cinema Hostel begrüssen wir den Tag mit einem richtig guten Frühstück mit Rührei und starkem Kaffee, dann fahren wir los. Nach ein oder zwei Kilometern, gleich hinter Ilok, überqueren wir die Grenze nach Backa Palanka, Serbien. Dort erhoffen wir uns einen Bahnhof mit einem Zug nach Novi Sad oder Belgrad. Es wird uns prompt von einem Mann geholfen, der nicht nur Deutsch sondern auch gut Polnisch spricht und uns sagt, dass es einen Bahnhof gibt, heute aber keine Züge fahren. Ja, es gibt in diesem Land eben kaum Zugverbindungen. Wenn die Leute irgendwohin wollen, dann fahren sie mit den Bussen.

Mittagessen in einer Fischwirtschaft an bzw. auf der Donau. Es gibt Fischsuppe, Schopska-Salat und die serbischen Kinder am Nachbartisch sprechen Deutsch. Nach Novi Sad fahren wir schön am Fluss entlang, meistens auf dem Damm. Novi Sad macht nicht gerade einen charmanten ersten Eindruck, hat aber angeblich eine wunderschöne Altstadt, die wir leider verpassen. Wir gehen direkt zum Bahnhof, wo wir endlich eine Verbindung nach Belgrad haben. Im Zug treffen wir einen offenen und weitgereisten Serben, der uns Tips gibt, wo wir in Belgrad unterkommen, was wir uns alles anschauen sollen und wo man Party machen kann. In Belgrad am Bahnhof packen wir einen Stapel Flyer von Hostels ein und machen uns auf die Suche nach dem nächsten. Zufällig stolpern wir über das Hostel 40 und bekommen auch gleich ein Zimmer zu einem vernünftigen Preis. Es ist sehr zentral, sehr neu, mit einer wunderbaren Terasse und einem grünen Garten.

Donauradweg: Belgrad – Pancevo – Kovin – Stara Palanka (SRB)

28-07-2012: 110 km

Die Fahrt aus Belgrad raus ist zuerst schön und ruhig an der Uferpromenade entlang, ein Stück durch die Altstadt und dann ganz unangenehm über eine stark befahrene Brücke. Zum Glück können wir auf einen Trampelpfad an der Seite ausweichen. Weiter geht es auf dem Dammweg. In Pancevo gibt es für uns dann Palatschinken und guten Kaffee am Flussufer, in einem angenehmen Café auf einer grün überdachten Terasse. Total aufgeräumt. Ganz im Gegensatz zu Kovin, durch das wir dann später fahren. Erst werden wir von Hunden angebellt und angesprungen, dann fahren wir durch dieses staubige, verwahrloste Hinterlandstädtchen. Weiter geht es auf einem sehr einsamen, schönen, teilweise sandigen Dammweg. Links von uns gibt es ein paar kleine Bauernhöfe und Kuhherden, rechts die Donau.

Pause am „Donau-Strand“: Es gibt Schilfschirme, Tische und Bänke, Musik und Essen. Einen Haufen Leute, Familien mit Kindern. Wir freuen uns aufs Baden! Der Fluss ist hier aber eine dermassen dreckige, braune Brühe, dass wir uns selbst mit unserer unermesslichen Badelust nicht überwinden können, tiefer als bis zu den Knien reinzugehen. Nur ein paar Kinder und ein oder zwei Erwachsene sind mutiger und plantschen zwischen dem Dreck und den Algen. Wir essen Hamburger mit Tomatensalat unter dem Schilfschirm, lecker.

Bei der Weiterfahrt werden wir von zwei Hunden gejagt, die dann aber umdrehen als wir anhalten und schreien. Wir fahren endlos auf dem Damm, der Weg ist erdig, kiesig, aber befahrbar. Es ist kaum jemand unterwegs, nur zwei Füchse, ein paar Krähen und ein undefinierbares Tier, das aussieht wie ein Murmeltier und über die Wiese stapft. Dann geht es noch bis kurz vor Stara Palanka ein Stück über die Landstrasse. Motorradfahrer rasen in einem Affentempo an uns vorbei, oft nur in T-Shirts und ohne Helm. Rechts und links an der Strasse Gedenktafeln für Verkehrstote. Es ist schon recht spät. Das letzte Stück vor Stara Palanka ist wieder auf dem Damm und ziemlich mühsam, da es nur eine Art Trampelpfad im Gras ist. Wir nehmen die erstbeste Unterkunft gleich am Ortseingang, ein Zimmer im Restaurant Dunav. Leider das bisher schlechteste Zimmer, das Gemeinschaftsbad ist dreckig, die Cola überteuert. Auch hier untergekommen ist ein Radfahrer aus New York, der in London losgefahren und auf dem Weg nach Istanbul ist. 

Donauradweg: Stara Palanka – Veliko Gradiste – Stara Oreskovica (SRB)

29-07-2012: 100 km

Der Tag beginnt früh. Nachdem wir unserem Zimmervermieter das Inklusive-Frühstück abtrotzen konnten, steigen wir um 7:15 Uhr auf die Fähre, die direkt vor dem Restaurant abfährt. Sie bringt uns ans andere Donauufer, damit wir auf der serbischen Seite durchs Eiserne Tor fahren können. Am Hafen treffen wir auf friedliche, obdachlose Hunde, die ich mit Käse füttere und sehen wieder die ominösen Zimmermänner, diesmal auf einem Holzboot, das uns auch schon mal begegnet war (vielleicht diese hier?). Der Typ aus New York ist schnell unterwegs, überholt uns und ist sofort verschwunden. Es ist heiss und sonnig und wir fahren auf einem asphaltierten Dammweg und auf Landstrassen durch etliche belebte Donau-Ferienorte. Es ist Sonntag und es gibt anscheinend viele Wochenendtouristen aus den grossen Städten, wie man an den Nummerschildern der Autos erkennen kann. In Veliki Gradiste kaufen wir an einem Strassenstand eine halbe Melone. Eine Frau, die auch gerade an diesem Stand einkauft, spricht uns auf Deutsch an und erzählt, dass sie lange in Deutschland gelebt und gearbeitet hat, jetzt in Rente ist und wieder in Serbien wohnt. Die Melonenverkäuferin lädt uns ein, bei ihr auf der schattigen Terasse am Tisch die Melone zu essen, sie bringt uns ein Tablett, Teller, Messer und zwei Gläser Sirup. Perfekt!

Die Landschaft hat sich inzwischen verändert. Es ist viel trockener, hügeliger, aber es gibt immernoch Maisfelder ohne Ende. Wir fahren links der Donau durchs Eiserne Tor. Die Donau fliesst hier durch eine steile, felsige Schlucht und wir radeln auf halber Höhe auf einer Autostrasse, die in den Fels gehauen ist. Es geht immer wieder steil bergauf und mehrmals müssen wir durch unterschiedlich lange und unbeleuchtete Tunnels fahren. Unsere Fahrradlichtchen bringen kaum was und in den längeren Tunnels fahren wir manchmal ein paar Minuten in der Finsternis, ein bisschen gruslig. Die Strecke ist landschaftlich sehr schön, der Verkehr ist weniger schön. Obwohl es Geschwindigkeitbegrenzungen gibt, rasen Auto- und Motorradfahrer wie die Irren über die unübersichtlichen und kurvigen Strassen und durch die Tunnels. Aber wir überleben. Auch nachmittags ist es noch verdammt heiss, zum Glück werfen die Felsen rechts von uns ihre Schatten auf die Strasse. Zwischendurch führt die Hauptroute durch ein wildes, steiles, grünes Tal, dann wieder auf die Strasse. Vor Donji Milanovac gibt es eine heftige Steigung. Wir beschliessen, auf dem Campingplatz „Open Air Gallery“, der auf der Karte als besonders empfehlenswert gekennzeichnet ist, zu übernachten. Dazu müssen wir von der Hauptroute abbiegen und nochmals gefühlte 5 km steil bergauf fahren. Dann sind wir da. Auf einer Hügelkuppe ein kleiner Hof, ein riesiger Garten, ein paar Tiere, wunderschöne Aussicht auf die Donau. Es hat sich gelohnt! Im Gras stehen Schnitzereien und Wurzeln, es gibt überdachte Picknicktische und eine kleines Häuschen mit Duschen und Toiletten. Anscheinend kann man auch hausgemachtes Essen bestellen, sogar Frühstück. Ein Stückchen Paradies inmitten einer lieblichen Landschaft. Und kaum waren wir in unsere Schlafsäcke gekrochen, bricht über uns ein herrliches Gewitter los.

Donauradweg: Stara Oreskovica – Donji Milanovac – Kladovo (SRB)

30-07-2012: 75 km

Es ist wieder ein heisser (40°C) und trockener Tag. Wir fahren vom Campingplatz in den nächsten Ort, Donji Milanovac. Dort gibt es erstmal Kaffee und etwas aus der Bäckerei. Wir treffen zwei junge Trike-Fahrer, die in einem Jahr nach China radeln wollen, inklusive einem Volunteer-Aufenthalt in Kasachstan (Homepage der zwei). Weiter gehts gehts durchs Eiserne Tor, viele Steigungen, sehr dunkle Tunnels und eine wunderschöne Donauschlucht. Gegenüber vom in den Felsen gehauenen Gesicht machen wir Mittagspause. Hier ist allein der Blick auf die Donau eine Reise. Weiter gehts durch die Schlucht bis zum Donaustaudamm Derdap I. Das letzte Stück zwischen dem Staudamm und unserem Zielort Kladovo ist eine langweilige Landstrasse. Am Ortseingang von Kladovo beraten wir uns bei einem Schild, auf dem ein Hostel angeschrieben ist. Neben uns hält ein Auto an und der Fahrer fragt, ob wir ein Hostel suchen und meint, dass er etwas im Stadtzentrum wisse. Er ruft jemanden an und hält dann Piotr das Telefon hin. Und schon haben wir ein privat vermietetes Zimmer mitten in der Stadt. Man muss nur ratlos schauen und schon wird einem geholfen. Abends landen wir nach einem kleinen Spaziergang auf der Haupt-Fressmeile von Kladovo, wo ein voll besetztes Restaurant neben dem anderen steht. Dort gibt es dann ein leckeres, warmes Abendessen mit Cevap, gebackenem Käse und Schopska.

Donauradweg: Kladovo – Negotin (SRB) – Vidin (BG)

31-07-2012: 110 km

Hinter Kladovo geht es hügelig über Landstrassen, dann wieder auf Schotterwegen entlang der Donau, vorbei an Ferienhäuschen und Dörfern. Zehn Kilometer vor Negotin liegen riesige Erdhäufen auf dem Weg, anscheinend werden hier gerade Schlaglöcher geflickt. Wir machen eine Kaffeepause im Café Lagune, wo wir auch die zwei Trike-Fahrer wieder treffen. Nach der Pause fahren wir durch Negotin und dann Richtung Grenze. Die Karte verzeichnet zwischen Negotin und Grenzübergang zwei Routen, die Hauptroute führt etwas abseits über das Land, die Alternativroute geradeaus über eine wahrscheinlich stark befahrene Schnellstrasse. Wir entscheiden uns für die Hauptroute, was sich aber schnell als Herausforderung entpuppt. Ein Strässchen, das sich den Berg hochschlängelt, führt uns ins Hinterland. Dort fahren wir ewig auf und ab durch eine wunderbare, grüne, üppige Landschaft und durch abgelegene Dörfer. Ein anstrengender aber sehenswerter Umweg. Hinter dem Grenzübergang nach Bulgarien geht es weiter auf einer Landstrasse, Beschilderung gibt es keine mehr. Wir fahren durch weites Land mit sanften Hügeln und einer wunderbaren Aussicht. In der Abendsonne treiben Hirten ihre Schaf- und Rinderherden in die Dörfer. Dann erreichen wir Vidin, unseren Zielort. In die Stadt rein fahren wir exklusiv über eine neu gebaute aber eigentlich noch gesperrte Autobrücke. Wir irren ein bisschen durch die Stadt, bis wir das Zentrum erreicht haben, noch ganz ohne Plan, wo wir übernachten sollen. Also fragen. Ich gehe in das nächste und ausserdem hip aussehende Café. Die Bedienung kann kein Englisch und schickt mich zu einer Frau und einem Mann, die draussen zusammen am Tisch sitzen. Ich frage sie nach einer guten Unterkunft. Nachdem sie zuerst vorschlagen, uns ein gutes Hotel zu zeigen, bieten sie uns eine Wohnung um die Ecke an, die ihm gehört, die er aber nie benützt. Nur das Türschloss sei ein wenig kaputt... Die Wohnung ist ein Chaos, aber gut. Er hat sie von seiner Grossmutter geerbt und seitdem wird sie wohl nur noch für Partys benützt. Auf dem Küchentisch steht ein monatealtes Frühstück... Wir gehen mit den beiden, Krasimir und Albena, noch eine Suppe essen. Er ist ein ehemaliger Theaterdirektor und Schauspieler, sie ist Office Managerin für die Hafenverwaltung und betreut Touristen auf Kreuzfahrtschiffen. Tolle Leute, etwas wild und sehr liebenswert. Zwei Reisehighlights.

Donauradweg: Vidin (BG) – Zaval (RO)

01-08-2012: 100 km

Nachdem wir mit Messer und Schere die kaputte Wohnungstür öffnen konnten, treffen wir Karasimir und Albena und trinken Kaffee mit ihnen. Die Trike-Jungs tauchen auch wieder auf und etwas verspätet fahren wir gegen Mittag los. Mit der Fähre überqueren wir die Donau und sind somit in Rumänien. In der Grenzstadt treffen wir dann zum ersten Mal auf bettelnde Romakinder. Dann geht es weiter mit einer flotten Fahrt. Es ist wieder alles anders, wir sind wieder in einem anderen Land. Wir fühlen uns nicht ganz wohl. Überall Roma, vor denen wir (vielleicht zu sehr) gewarnt wurden. Zum Glück begegnen uns nur harmlose Hunde (vor denen wir auch gewarnt wurden). Unsere Route auf einer Landstrasse führt schnurgerade durch kleine Strassendörfer, ein Stück von der Donau entfernt. Es gibt kein einziges Eurovelo-Schild. In den langen Dörfern steht vor jedem Haus eine Bank und auf der Bank sitzt meistens jemand. Entweder so alte Leute, wie man sie immer in Reiseführern von Rumänien sieht, verhutzelte Gesichter unter Hüten und Kopftüchern. Oder die ganze Familie. Manchmal liegen da fette Jungen, die mit Handys Musik hören. Die Höfe hinter den Häusern hinter den Bänken sind länglich, oft kahl und nur aus Dreck. Um die Leute vor den Häusern rum drängen sich Truthähne, Hühner, Gänse, ab und zu steht da eine Kuh. Hier ist die Zeit stehengeblieben. Manchmal grüssen die Leute. Am Strassenrand stehen Kinder, die immer Hello! Hello! rufen, wenn sie uns sehen. Dann strecken sie die Hände raus, damit wir sie beim Vorbeifahren abklatschen. Nicht so triste Dörfer, sondern anders, leicht schwermütig, aber belebt. Die Leute sind mit Pferdekarren unterwegs, mehr Kutschen als Autos auf der Strasse. Ein paar Jungs schmeissen uns eine Eisenkette hinterher. Entweder ist Rumänien nicht so freundlich oder es ist einfach nur in diesen Dörfern so.

Zum ersten Mal fühle ich mich auch von den Männern blöd angeschaut. Manche Kinder und Jugendliche schreien uns irgendetwas hinterher, was nicht unbedingt freundlich klingt. Wir sind froh, als wir in Zaval endlich den Campingplatz erreichen. Natürlich sind wir die einzigen Gäste. Prompt zieht ein Gewitter auf, kaum steht das Zelt, stürzt eine Sintflut auf uns runter. Wir finden Unterschlupf unter dem Vordach der Camping-Bar und nutzen die Gunst der Stunde für ein Picknick. Der Campingwart stellt uns sofort noch einen Berg Tomaten und leckeren Käse hin. Auch unters Dach geflüchtet sind ein paar Männer, die gerade in der Gegend waren. Der eine ist schwer damit beschäftigt, sein Pferd davon abzuhalten, mit dem Karren Richtung Dorf zu verschwinden. Später kommen dann noch mehr Männer aus dem Dorf und trinken Bier. Als wir dann abends im Zelt liegen, hören wir die Männer trinken und  im Wald neben uns die streundenden Hunde heulen. 

Donauradweg: Zaval (RO) – Orjahovo – Ostrov – Gigen – Zagrazhden (BG)

02-08-2012: 88 km

Als wir vom Campingplatz aufbrechen haben sich schon wieder einige Männer aus dem Dorf für Bier und Kaffee versammelt. Wir beschliessen, wieder auf die bulgarische Seite zu wechseln und fahren nach Bechet zur Fähre. Eingeklemmt zwischen einem Haufen LKWs überqueren wir die Donau. In Orjahovo beginnt unsere Fahrt in Bulgarien gleich mit einer heftigen Steigung, die schöne Landschaft ist es aber wert. Die Fahrt geht weiter auf und ab. In Ostrov machen wir an der Donau eine kurze Pause. Dort spricht uns ein Typ auf die Fahrradausrüstung von Veloplus an, so lernen wir ein Schweizer Paar kennen, das schon seit März an der Donau unterwegs ist. In Serbien wurde es den beiden zu heiss zum Fahrradfahren und sie haben sich kurzerhand ein kleines Fischerboot gekauft, mit dem sie jetzt die Donau runtertuckern. Sie reisen langsam, mit langen Pausen an schönen Orten und vor allem open end! Fotos und Geschichten von ihrer Reise gibt es im Netz: http://www.movingspirit.ch/.  Da wir mal wieder kein Bargeld haben und es weit und breit gibt es keinen Automaten gibt, laden uns die beiden glücklicherweise zu einer kalten Cola ein. Merci! Erfrischt fahren wir weiter durch eine hügelige Landschaft, auf schlaglochübersäten Strassen. Viel Grün, viele Maisfelder. In Krushovene sind wir halb verdurstet und fragen in einem Laden, ob wir Wasser aus dem Hahn bekommen könnten, wir haben immernoch kein Bargeld. Die Verkäuferin spricht mehr oder weniger Deutsch, da sie eigentlich in Deutschland lebt und nur den Sommerurlaub in ihrer Heimat verbringt. Sie sagt uns dann auch, dass der nächste Geldautomat 17 km entfert sei und schlägt vor, dass sie ihren Mann anruft, der uns mit dem Auto hinbringen könne. Gesagt, getan. Mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter rasen wir mal schnell zum Geldautomaten, mit den Rädern hätten wir einen halben Tag gebraucht. So unglaublich hilfsbereit! Zurück beim Laden werden wir noch zu einem Kaffee eingeladen und plaudern ein bisschen mit der Tochter, die als einzige gut Deutsch spricht. Sie schwärmt vom Strand und  5-Sterne-Hotel im bulgarischen Varna und ist perplex, als sie erfährt, dass wir meistens im Zelt schlafen. Weiter geht die Fahrt durch weite, hügelige Landschaft mit Feldern und Pappelalleen, Kühen und Eselkarren. Kurz vor Zagrazhden fahren wir ans Donauufer und finden einen idyllischen Platz für die Nacht. Ein Bad in der Donau. Nachts Hundegeheul und Discomusik vom rumänischen Ufer gegenüber.

Donauradweg: Zagrazhden – Dabovan – Somovit – Nikopol – Belene (BG)

03-08-2012: 86 km

Ein herrlicher Morgen an der Donau und eine Weiterfahrt durch angenehme, staubige Dörfer. In Guljanci, einem etwas grösseren Ort, machen wir Picknick mit Ayran, Brot und Käse im Park. Drei verfilzte Romakinder suchen sich in den Mülltonnen ihr Frühstück zusammen und springen um uns herum. Eines davon sagt immer die gleichen Wörter zu uns, schreit uns irgendwann an und versteht nicht, dass wir es nicht verstehen. Betteln ist es nicht. Ich versuche den Jungen wegzuschicken, aber erst, als eine Bulgarin neben uns irgendetwas zu ihm sagt, trollen sich die Kinder.

Die Route führt uns über ruhige Landstrassen, durch ruhige Dörfer, es geht weiter auf und ab. In Nikopol machen wir Mittagspause im Café. Ein Stückchen weiter an einem schönen Strand gehen wir in der Donau schwimmen. Das Wasser ist wieder viel sauberer! Zwei Fischer winken und laden uns auf ein Bier ein. Die Fahrt nach Belene führt uns wieder über etliche Hügel und durchs Hinterland. Wiesen, Felder, Dörfer. In Belene angekommen gönnen wir  uns erstmal ein Abendessen im Restaurant: Bier, Schopska-Salat, Sprotten und Pommes. Mhmmmm! Das Nachtlager schlagen wir an der Donau an einem kleinen Strand unterhalb vom Hotel Residence Prestige auf. Wieder ein erfrischendes Bad in der Donau. 

Donauradweg: Belene – Ruse (BG)

04-08-2012: 115 km

Belene ist wirklich eine süsse, angenehme Kleinstadt. Es gibt eine Menge Cafés und Restaurants, eine grüne Fussgängerzone, mindestens ein Hotel und sogar ein Donau-Besucherzentrum. Wir trinken morgens noch schnell einen Kaffee in der Stadt, kaufen ein kleines Frühstück und sind dann gegen halb 8 schon auf dem Weg nach Ruse. Vorbei an der Baustelle des riesigen Atomkraftwerks, es sieht aus, als würde gerade nicht viel vorwärts gehen. Dann fahren wir durch Sushtinov, weiter durch Dörfer und übers Land. Leider fast nie entlang der Donau, nur gelegentlich sehen wir sie von weitem. In Richtung Ruse verfahren wir uns und landen auf einer Strasse, die zum Glück nur ein kleider Umweg ist. Es geht wahnsinnig bergauf, und das bei 40°C! Auch als wir dann wieder auf der Hauptroute sind, gibt es heftige Steigungen – für diesen Teil der Donaureise sollte man auf jedenfall viel Zeit und Energie und Wasser einplanen! Langsam wächst auch meine Sehnsucht nach Kleidchen, Schühchen, Badewanne... Ab Obretenik nehmen wir die Alternativroute entlang einer Hauptverkehrsstrasse. Obwohl es Samstagnachmittag ist fahren viele LKWs, wenn sie an uns vorbeirasen, wird es immer verdammt eng. Kurz vor Ruse suchen wir lange nach dem Campingplatz, der in der Karte eingezeichnet ist. Dann finden wir ihn endlich – er ist nicht mehr in Betrieb. Vor der Einfahrt treffen wir aber einen Motorrad-Rocker der meint, es sei gar kein Problem, wir könnten ruhig hier campen. Er betreibt anscheinend die Bar (und Motorrad-Treffpunkt) neben der ehemaligen Rezeption. Wir fahren auf den Campingplatz. Umwuchert von dunklem Grün, verfallene Ferienhüttchen, Duschräume von Pflanzen überwachsen, überall Spuren von Leuten, die dann doch noch da waren, eine offene Tür und ein bezogenes Bett, es ist wie im Film, gruselpsychedelisch. Aber es gibt leider keinen Tropfen Wasser, die Leitungen sind trocken und wir sind klebrig und dreckig. Wir fahren dann doch weiter, einen steilen Hang runter zu einem Hotel und zur Donau. Das Hotel ist ein ganz „schickes“ Ding: Lyuliak Island Resort. Wir fragen, ob wir dort auf der Grünfläche campen dürfen. Dürfen wir nicht. Also nehmen wir ein Zimmer, es ist bezahlbar. Der Typ an der Rezeption und das restliche Personal platzen fast vor Arroganz. Aber immerhin, wir haben frische Handtücher, es gibt eine wunderbare, heisse Dusche, Klimaanlage und Olympische Spiele im TV. Ausserdem können wir endlich mal wieder unsere Klamotten waschen. 

Donauradweg: Ruse – Rjahovo (BG)

05-08-2012: 57 km

Es gibt dann aber doch noch mehr Frust. Mal abgesehen davon, dass man uns offensichtlich ins „schlechte“ Zimmer ohne obligatorischen Kühlschrank und ohne Klobrille gesteckt hat, versucht das Personal, uns zu ignorieren. Wir müssen ein paarmal nachfragen, ob und wo es unser Inklusive-Frühstück gibt. Dann müssen wir die Kellnerin, die eine derart miese Fresse zieht, zu unserem Tisch zwingen, damit wir endlich was zu Essen bekommen. Das knallt sie uns dann hin (das gleiche übrigens auch bei unseren Tischnachbarn). Der Kaffe ist wässrig und die Tasse nur halbvoll. Als wir noch einen Kaffee bestellen, müssen wir ihn danach extra bezahlen und er kostet das Dreifache vom Üblichen. Nach dem Frühstück im Hotel fahren wir spät los. Das Personal war saublöd, aber Duschen, Fernsehen, Wäschewaschen war super! Jetzt fahren wir den Berg wieder hoch und zurück auf die mehrspurige Hauptstrasse nach Ruse rein und ins Zentrum. Ruse scheint ganz nett zu sein. Weiter geht es an der Promenade entlang, dann wieder ein bisschen stadteinwärts. In einem hippen Café essen wir zu Mittag: eiskalte Cola, kalte bulgarische Joghurtsuppe und natürlich Schopska-Salat. Und eine supernette Bedienung. Weiter durch einen riesigen Park, über eine Brücke, raus aus Ruse. Hauptroute (rot) durch Dörfer, Dörfer, Dörfer und Maisfelder, Sonnenblumenfelder. Dann wird auf der Karte ein Dammweg angezeigt, der aber eigentlich nicht existiert. Ein Landwirtschaftsweg durch den Wald, der immer weiter zugewachsen ist und nach zwei Kilometern nur noch ein Trampelpfad durch wildes Gebüsch, nicht mehr passierbar. Wir drehen um und fahren ein ziemliches Stück zurück und auf der Hauptstrasse nach Rjahovo, wo wir am Dorfstrand campen wollen. Am Strand sind ein paar Leute und Boote und ein Auto mit Anhänger mit polnischem Kennzeichen. Piotr findet raus, dass bald eine Gruppe polnischer Radtouristen ankommen und auch hier zelten wird. Der Mann mit Auto und Anhänger transportiert ihr Gepäck und die Lebensmittel und fährt jeden Tag zum jeweiligen Zielort voraus, wo er ein Plätzchen zum Campen auskundschaftet. Praktisch, so kommt man schnell voran! Wir freuen uns über die Mitradler und baden wieder in der Donau. Abends sitzen wir unter einem wunderbaren Sternenhimmel, neben uns fliesst der spiegelglatte Fluss. 

Donauradweg: Rjahovo – Silistra (BG)

06-08-2012: 106 km

Wir stehen sehr früh auf und baden gleich nochmal in der Donau. Um 7 fahren wir los. Die Hunde, die uns immer wieder begegnen sind harmlos und sehen aus wie Klobürsten. An der Strasse sprechen wir mit einem türkischen Melonenverkäufer und die polnische Gruppe überholt uns in einem ziemlich flotten Tempo. Pause in Tutrakan im Café. Dort spricht uns ein Mann an und mit ein paar Brocken Englisch warnt auch er uns vor den „Zigeunern“ und rät uns an, die Räder immer im Blick zu haben und abzuschliessen. Ist es echt so schlimm?  Die Rechnung im Café ist unerwartet hoch, jetzt verstehen wir auch warum: Bier und Kaffee sind in Cafés und Restaurants lächerlich billig, Softdrinks aber dreimal so teuer wie im Laden. Ok. Dann fahren wir weiter auf Landstrassen durch die „Wüste“. Es ist irrsinnig heiss, es geht ständig bergauf. 20 Minuten hoch, dann 5 Minuten wieder runter, wieder 20 Minuten hoch usw. In Srebarna, ein Naturschutzgebiet mit See, machen wir eine kurze Pause. Kaum halten wir vor dem Dorfladen an, fehlt der Fahrtwind und der Schweiss läuft in Bächen an uns runter. Wir stürzen in den Laden und trinken Fanta und ein Bier, hier ist es mit der Klimaanlage auf frische 26° runtergekühlt. Zwei Typen im Laden sind etwas aufdringlich und wollen unbedingt, dass wir bleiben und mit ihnen noch mehr Bier und Fanta trinken, wir wollen aber weiter. Vor der Tür dann noch ein kurzes Gespräch mit dem recht netten „Dorfirren“, zumindest sah er so aus, ich glaube, er hiess George. Dann fahren wir weiter nach Silistra, noch mehr Steigungen! Die Hitze flirrt, verdorrtes Land, leere, verfallene Lagerhallen, Gerippe von Gebäuden. Es stinkt nach totem Tier. Endlich kommen wir in Silistra an und fahren zuerst durch ein Industriegebiet, fast alles steht leer und ist verlassen. Riesige, verwahrloste Fabrikhallen. Eigentlich wollen wir wieder an der Donau campen, finden aber den Zugangsweg zum Donauufer nicht. Dann stehen wir vor einem Hotel, sehr verlockend und kühl. Nehmen ein Zimmer dort, sehr nette Rezeptionistin übrigens. Essen mal wieder Schopska-Salat im Restaurant, schauen Olympia im TV. 

Donauradweg: Silistra (BG) – Ostrov – Baneasa – Deleni (RO)

07-08-2012: 85 km

Nach einem leckeren Frühstück im Hotel und einem kleinen Einkauf bei Billa fahren wir noch innerhalb der Stadt über die Grenze nach Rumänien. Da gehts dann holprig kilometerlang über Kopfsteinpflaster, streckenweise wieder geteert, dann wieder Kopfsteinpflaster. Am Strassenrand Obst- und Gemüsestände und wieder eine Menge Esel – und Pferdefuhrwerke. Kurz werden wir von einer kleinen Hundemeute angebellt und verfolgt. In Baneasa machen wir neben einem kleinen Dorfladen Pause, es kommt dreimal derselbe Mann vorbei und bettelt uns an. Ansonsten gibt es noch einen netten Hund, der glücklich den Rest von meinem Eis frisst und einen Schwarm Gänse der ständig an uns vorbeischnattert.

Wir sind erschöpft von der Hitze und den Steigungen. Die Route verläuft längst nicht mehr an der Donau sondern immer ein Stück entfernt auf hügeligen Landstrassen. Die Gegend wird immer weniger erfrischend charmant. Schweren Herzens entscheiden wir uns, nicht ins Delta sondern direkt nach Constanta zu fahren. Es ist einfach zu anstrengend, ohne einen Ruhetag, der jetzt zeitlich nicht mehr drin ist, und bei dieser Wahnsinnshitze die nächsten fünf Tage durchzustrampeln. Zu wenig Zeit, zu wenig Ressourcen. Vielleicht gibt es in Constanta eine Bootsfahrt ins Delta.

Weiter gehts durch staubige Dörfer, auf und ab durchs Land, keine Spur von der Donau. An einer Kreuzung fragt uns ein Autofahrer auf Rumänisch nach dem Weg. Ich antworte ihm mit der Frage, ob er vielleicht Englisch oder Deutsch spricht. Er meint nur „Deutsch? Ja klar!!“ Er spricht sogar Polnisch und erzählt Piotr, dass er in Polen Fenster verkauft. Wir quälen uns weiter die Hügel hoch, sind völlig erschöpft. Wir fragen beim Adamclisi-Mausoleum, ob wir dort vielleicht campen dürfen. Nein, dürfen wir nicht. Keine Unterkunft weit und breit. Und das Gefühl, das man hier besser nicht wild campt, unter anderem auch, weil es im Gegensatz zu Bulgarien und Serbien offiziell verboten ist. Wir fahren einen Ort weiter und fragen in einem Laden nach einem Zimmer oder einem Platz zum Campen. Campen sein „dangerous“, sagt die Verkäuferin. Und während wir Pufuleti essen, telefoniert sie sicherlich eine halbe Stunde im ganzen Dorf rum, ob jemand ein Zimmer für uns hat. Anscheinend hat aber niemand ein Zimmer für uns. Letztendlich kommt eine Frau, die uns misstrauisch beäugt,  uns dann aber mitteilt, dass wir beim Bürgermeisterhaus schlafen können und dass ein Polizist kommt, der uns die Nacht über bewacht. Ein kleiner Polizist auf einem Motorroller holt uns ab und bringt uns zum Bürgermeisterhaus. Das steht auf einem eingezäunten Grundstück und im Garten hinter dem Haus dürfen wir unser Zelt aufstelllen. Der Polizist erklärt uns mit Händen und Füssen, dass hier schonmal englische Fahrradtouristen mit dem Zelt übernachtet haben und wo wir Trinkwasser holen und Essen gehen können. Und er wird die ganze Nacht da bleiben, „safe“ sagt er. Wir picknicken und liegen dann müde im Zelt und lauschen gebannt dem rumänischen Dorf. Die Geräuschkulisse ist ohrenbetäubend: ein Jaulen, Bellen, I-ahen, Wiehern, Muhen, Miauen, Schnattern, Gackern, Gurren, Grunzen, Krähen, Kinderschreien – alles, was kreucht und fleucht in einem Konzert. Ein Dorfkonzert, das es in Deutschland oder in der Schweiz wahrscheinlich seit 100 Jahren nicht mehr gibt. Hier gibt es mindestens doppelt soviel Viehzeug wie Einwohner.... vielleicht ist Rumänien doch ganz toll?

Donauradweg: Deleni – Constanta (RO)

08-08-2012: 60 km

Nein, Rumänien ist nicht toll. Wir haben unruhig geschlafen, ständig draussen komische Geräusche gehört. Um 4 Uhr morgens waren plötzlich laute Stimmen vor unserem Zelt. Ich dachte zuerst, dass sich eine Frau und ein Mann streiten. Piotr streckt den Kopf aus dem Zelt und sieht drei Personen im Dunkeln. Eine davon ist eindeutig unser kleiner Polizist. Und der scheucht die zwei anderen Leute vor sich her und scheint sie wegzuschicken. Vor dem Gebäude gibt es dann eine ziemlich laute und lange Diskussion. Gruslig. Was hatten die zwei Menschen in dieser Hergottsfrühe bei unserem Zelt zu suchen? In einem Garten, der eingezäunt ist und wo es ausser uns wahrlich nichts zu holen gibt? Als wir dann um halb 7 aufstehen, ist der kleine Polizist weg, wir werden nie erfahren, was da in der Nacht passiert ist und werden uns leider auch nicht für seine Bewachung danken können.

Die Fahrt nach Constanta geht über eine Bundesstrasse und der Verkehr wird immer stärker. Viele LKWs, die meisten überholen einigermassen anständig, ungefähr jeder zehnte überfährt uns aber fast. Man weiss leider nie, wann so einer von hinten kommt, ein Rückspiegel wäre hilfreich. Viele Auto- und LKW-Fahrer hupen auch. Das kann dann auch alles heissen, manchmal einfach „Hallo“, manchmal „aus dem Weg oder ich mach dich platt“, manchmal „vorsicht, ich überhole“, das weiss man dann auch erst hinterher. Wir haben Gegenwind von schräg vorne. Eigentlich sah es nach Regen aus, jetzt ist es aber wieder so heiss und schwül. Am Wegesrand stehen Hanf und Stechapfel. Zwischen Valu lui Traian und Constanta stehen da dann Nutten. Am Ortseingang von Constanta holen wir leckeres Gebäck in einer Patisserie und essen es vor dem Geschäft. Prompt werden wir von Roma-Kindern belagert, die mit uns reden und an den Fahrrädern rumfummeln. Sofort kommt eine Frau aus der Patisserie raus und und will die Kinder wegschicken, gleich darauf noch ein Mann vom Laden nebenan, der sie dann endgültig wegscheucht. Ach, wie die Hunde... Die Fahrt ins Zentrum von Constanta ist megahässlich, Plattenbau und Grau. Das Zentrum ist auch nicht viel besser. Und selbst das Schwarze Meer ist dann kein sonderlich ergreifender Anblick. Wieder auf der Jagd nach einer Unterkunft. Zuerst suchen wir eine Touristeninfo, finden aber keine. Im Ibis-Hotel, dessen Zimmer uns leider zu teuer sind, erklärt man mir, wo die Touriinfo ist und auch, dass es keine Hostels oder Campingplätze gibt. Dort, wo die Touristeninformation sein sollte, steht nur ein Automat mit Touchscreen. Also: weiter fragen! Ein Parkplatzwächter, der daneben steht, erklärt uns freundlich, wo wir ein 2-Sterne-Hotel und eine günstige Pension finden. Es ist inzwischen nicht mehr möglich, durch Beschilderung oder mit Hilfe eines Stadtplans oder einer Übersichtskarte etwas zu finden. Es hilft nur eines: Fragen, egal wen. Hier kommt niemand auf einen zu, nur weil man ratlos und tourimässig aussieht, aber wenn man die Leute aktiv anspricht, sind sie plötzlich wahnsinnig nett und helfen einem weiter, so gut sie können. Das ist seltsam für mich, so auf dieses hartnäckige Durchfragen angewiesen zu sein. Aber es funktioniert. Wir finden die billige Pension, Casa Tomis, ein kleines, süsses Häuschen zwischen Hochhäusern, mitten im Zentrum. Ein sauberes Zimmer mit eigenem Bad. Olympische Spiele im TV. Das Zimmer kostet für uns beide zusammen ca. 35 Euro pro Nacht. Die meisten anderen Hotels bieten Zimmer für das Doppelte an, zu westeuropäischen Preisen an.

Puh! Jetzt will ich eine Prinzessin sein, hab das ganze postkommu- nistische Flair satt, die Ruinen, die staubigen Dörfer, die Tierkadaver, die Hitze, die Angst vor Dieben, die ewigen Mais- und Sonnenblumenfelder. Wir sind am Endpunkt unserer Reise, physisch und mental. Bis hierhin sind wir etwa 2500 km gefahren, in 30 Tagen. Unglaublich! Der Körper lechzt nur noch nach Komfort und Abkühlung, der Geist nach int- ellektueller Unterhaltung, Styling, Sauberkeit, Sicherheit... Reisemüdigkeit nach 4,5 Wochen.

 

09-08-2012

Frühstück im Café. Wir sind noch total im Leistungs- und vor allem im Fressmodus. Danach spazieren wir dorthin, wo im Stadtplan der Bahnhof eingezeichnet ist. Es ist aber die Hafenverwaltung. Also müssen wir mal wieder fragen und eine handvoll Leute von der Hafenverwaltung erklären uns auf Rumänisch und Handundfuss, wo der Bahnhof ist und wo wir ein Taxi bekommen. Am Bahnhof checken wir dann alle Zugverbindungen, die in Frage kommen ab. Leider sind die Verbindungen nach Tulcea im Donaudelta nicht so gut und es ist nicht klar, ob wir von dort aus überhaupt einigermassen schnell und unkompliziert nach Bukarest kommen würden. Und die Delta-Tour, die vom Reisebüro angeboten wird, beinhaltet eine zehnstündige Busfahrt und ist viel zu teuer. Direkte Bootstouren ins Donaudelta gibt es anscheinend nicht. Also entscheiden wir uns, das Delta ausfallen zu lassen und mit dem Zug direkt von Constanta nach Bukarest zu fahren. Beim Schalter treffen wir dann noch zwei Fahrradtouristen aus der Niederlande, die uns erzählen, dass sie auf einem schönen Campingplatz in Mamaia, also am nördlichen Stadtrand von Constanta sind. Nachmittags gehen wir an den Stadtstrand. Strand und Wasser sind herrlich sauber, erfrischend und gar nicht so überfüllt. Ansonsten ist Constanta ist nicht unbedingt eine sehenswerte Stadt. Eigentlich ist die Hälfte der Innenstadt verfallen. Zwischen glatten Lounge-Bars, Wellness-Centern und hippen Restaurants, alles neu, stehen alte Stadthäuser, Bauruinen und ehemals prächtige, jetzt verrottende Stadtvillen. Soviel Gegensatz zerreisst mich fast. 

Nachts wachen wir um Mitternacht auf. Im Hof, auf den unser Souterrain-Fenster geht (das wiederum offen ist, weil die Klimaanlage nicht funktioniert), ist ein Wahnsinns-Lärm. Es hört sich an, als würde direkt vor unserem Fenster ein riesiger LKW stehen und der Fahrer im Leerlauf aufs Gas drücken. Es stinkt gewaltig nach Abgasen, alles zieht in unser Fenster rein. Wir haben keine Ahnung was das ist und sind völlig aufgescheucht. Piotr fragt dann den Hauswart, der den Hof bewacht und in seinem Kabuff schläft. Der erklärt ihm nur irgendwas auf Rumänisch, von wegen, es sein normal, regelmässig und in 30 Minuten vorbei...

Donauradweg: Constanta – Mamaia (RO)

10-08-2012: 11 km

Der nächtliche Vorfall klärt sich auf: Das Telekom- munikationsgebäude nebenan hatte mal wieder einen Stromausfall, deswegen musste das Notstromaggregat ran. Unser Pech, dass das Teil alt und laut ist und der Auspuff direkt bei unserem Fenster. Wir verlassen Casa Tomis und machen uns auf den Weg zum Campingplatz in Mamaia, von dem uns die niederländischen Radler erzählt haben. Die Fahrt raus aus Constanta und durch Mamaia ist der Horror. Wir werden ständig angehupt, beschimpft, gefährlich geschnitten, uns wird schon gezeigt, dass Fahrradfahrer auf rumänischen Strassen nichts zu suchen haben.

Wir checken auf dem GMP-Camping ein, zu westeuropäischen Preisen. Der Campingplatz hat allerdings einiges zu bieten, ob wir das wollen oder nicht. Es gibt ein Selbstbedienungsrestaurant, einen Laden, eine Strandbar, abends Live-Musik im Restaurant und Disco. Die Wege zwischen den einzelnen Campingsektoren sind gepflastert, die Sanitäranlagen einigermassen neu. Man gibt sich schon Mühe, einen Standard zu erreichen, der den Preis rechtfertigt. Das scheitert aber unter anderem gewaltig bei den Toiletten. Es gibt fast nur Stehtoiletten, insgesamt zu wenig, eigentlich nie Toilettenpapier und die paar Sitztoiletten sind unglaublich verpisst, verschissen und blutverschmiert. Dem Urlaubsparadies wirkt ausserdem entgegen, dass der gesamte Campingplatz bis zum Platzen vollgestopft ist und jedes freie Plätzchen mit einer riesigen Familienkarre zugeparkt ist, aus der irgendwelche Radiosender oder die neusten Balkandiscohits plärren. Wirklich toll ist allerdings der Strand, trotz Menschenmengen hat man einigermassen Platz. Er ist erstaunlich sauber und es gibt ganz viel Platz ohne Mietliegestühle. Das Meer ist sauber und wunderbar. Also nutzen wir diesen Vorteil und holen uns die Erfrischung im Wasser und einen ordentlichen Sonnenbrand. Ansonsten merke ich, warum ich mit Strandurlaub nicht viel anfangen kann: sooo langweilig, vor allem ohne ausreichend Lektüre.

Am Abend noch ein Strandspaziergang entlang der endlosen Hotelketten, ein Hotel neben dem anderen, so weit das Auge reicht. Mamaia besteht nur aus einer schmalen, kilometerlangen Landzunge, Sandstrand und Hotels bis zum Umfallen, gespickt mit knallbunten Wasserparks, Jahrmarkt-Blingbling, seichte Unterhaltung. All inclusive – Strandtourismus. Sonst nichts. Auf dem Campingplatz haben wir heute wir Live-Musik im Restaurant, Disco und ein Club in der Nähe hat Dunzdunz bis morgens um 6. Nachts gewittert es heftig, irgendjemand in der Nähe kotzt, ich schlafe schlecht und bin mies gelaunt. Dieser Herdentourismus und Hotelwahnsinn sind mein absoluter Horror!

 

11-08-2012

Die niederländischen Fahrradfahrer, die auf dem gleichen Camping sind, ringen sich auch nur ein diplomatisches „well, it’s ok“ ab und machen sich früher als geplant auf den Heimweg. Wir wollen auch schnellstens nach Bukarest, mit einem Stich im Herzen, dass unsere Donaufahrt ausgerechnet hier zu Ende geht anstatt im Delta. Wir kaufen die Zugtickets nach Bukarest in Constanta am Bahnhof am Automaten, was sogar mit der VISA-Card ging. Die Fahrt vom Bahnhof zurück auf den Campingplatz im Minibus war gut gelaunt, der Fahrer hatte die Musik aufgedreht und wir haben nochmal die Balkan-Sommerhits rauf und runter gehört. 

Donauradweg: Mamaia – Constanta – Bukarest (RO)

12-08-2012: 11 km + ca. 220 km mit dem Zug

Abreise aus Constanta! Mittags checken wir beim Camping aus und es wird uns tatsächlich die eine Nacht, die wir jetzt früher abreisen, zurückerstattet! Die Fahrt mit den Rädern zum Bahnhof war erträglich, aber die Leute fahren einfach wie Affen und wissen nicht, was sie mit Radlern auf der Fahrbahn anfangen sollen. Also übersehen sie uns einfach, drängeln oder hupen uns weg, schimpfen. Am Bahnhof treffen wir dann zwei belgische Radtouris, die wir schon kurz auf dem Campingplatz gesehen hatten. Sie wollen auch so bald wie möglich weg aus Constanta. Sie sind eine der Limes-Routen gefahren: von Prag nach Wien und dann weiter nach Rumänien bis nach Constanta. Sie erzählen, dass es bis auf Rumänien eine ganz tolle Tour war. In Rumänien seien sie durch fürchterlich arme Regionen gefahren und hätten manchmal Tagesetappen von 140 km gehabt, weil sie einfach keine Unterkunft finden konnten. Sie erzählen uns dann noch Geschichten von ihren Bekanntschaften auf der Reise. Angeblich wurden zwei Velofahrern in Rumänien die Räder geklaut und nachdem sie es bei der Polizei gemeldet hatten, haben sie zwei Tage später die Fahrräder wieder zurückbekommen. Einem anderen wurden die Vorderradtaschen gestohlen. So gesehen, sind wir gut weg- und durchgekommen. Viele Geschichten, viele Warnungen, aber uns ist nichts passiert.

Als wir dann auf den Zug nach Bukarest wollen, will uns der Schaffner erst überhaupt nicht mit den Fahrrädern einsteigen lassen. Nachdem wir die Tickets gezeigt hatten, schickt er uns in den hintersten Waggon. Und als er dann zum Kontrollieren kommt, ist er ratlos, wieviel denn nun ein Fahrradticket kostet. Sowohl im Reiseführer, in diversen Reiseberichten und sogar am Schalter in Constanta war immer die Rede von 10 Lei pro Fahrrad, also ein durchaus bekannter Preis. Tsss... Er erklärt uns was auf Rumänisch und redet dann von „fifty-fifty“, also die Hälfte von unserem Personenticket, das heisst 30 Lei pro Rad. Ich wedle dann mit einer 10er-Note und zeige erst aufs eine Fahrrad, dann aufs andere und erkläre ihm das auf Deutsch. Da winkt er ab und sagt ok, ok und nimmt seine 20 Lei. Sehr witzig... Beim Aussteigen in Bukarest hilft uns dann niemand, die Räder zwei Meter nach unten zu heben, alle drängeln nur. Die Fahrt vom Bahnhof zum Hostel ist überraschend angenehm. Sonntagnachmittag und die Stadt ist leer, die Strassen ruhig, die Sonne scheint. Das Hostel müssen wir ein bisschen suchen, weil es nur mit einem winzigen Schildchen an der Strasse angeschrieben ist. Es ist tatsächlich sehr nahe am Bahnhof. Die Rezeptionistin ist freundlich, das Hostel liebevoll eingerichtet, hell und geräumig, sauber.

Bukarest (RO) – Zürich (CH)

13-08-2012: 4 km + Flug

Hostel-Frühstück mit Marmeladentoast und herrlich starkem Kaffee. An der Rezeption bekommen wir noch allerlei Auskünfte, wo wir einen Fahrradladen finden können und wie wir zum Flughafen kommen. Nach dem Frühstück machen wir uns auf die Suche nach Kartonboxen, um die Fahrräder gut für den Flug zu verpacken, und radeln zu unserem auserkorenen Fahrradladen. Die Fahrt ist viel angenehmer als in Constanta, die Leute fahren nicht so aggressiv und sind anscheinend auch mehr oder weniger an Fahrradfahrer im Verkehr gewöhnt. Es gibt sogar Radwege, die teilweise auch befahrbar sind. Wir finden unseren Fahrradladen, der aber ausgerechnet am Montagvormittag zu hat. Wir vertreiben uns die Zeit mit einem Mittagessen im Fastfood-Restaurant und der Suche nach anderen Fahrradläden. Bukarest ist eigentlich nicht so übel, wie befürchtet. Zumindest im Zentrum, wo wir unterwegs sind, sind die Strassen breit und geräumig, aufgeräumt, keine Armut, es gibt schöne alte Stadtarchitektur und viel Grün. Nachdem wir kreuz und quer durch die Innenstadt geradelt sind, versuchen wir es am frühen Nachmittag nochmal im ersten Laden. Und siehe da, am Eingang stehen zwei Fahrradkartons, Piotr kann seinen Satz nicht zu Ende sprechen, da meint der Verkäufer schon, jaja, nehmt sie mit!

Beladen mit Gepäck und den riesigen Kartons machen wir uns auf den Weg zum Bahnhof, wo es eine schnelle Verbindung zum Flughafen gibt. Die Zeit rennt und wir stehen plötzlich kurz vor dem Bahnhof vor einem Loch, die Strasse ist komplett bis an die Hauswände aufgerissen. Wir schieben und tragen die Fahrräder über die Baugrube, hetzen zum Bahnhof, springen in den Zug, ohne Fahrkarte. Die Kontrolleurin kommt und macht einen Aufstand, wir verstehen sie nicht, sie uns nicht. Piotr kauft zwei Ticktes, die Frau ist aber immernoch aufgeregt wegen den Fahrrädern. Wir sitzen das einfach aus, irgendwann ist es dann schon ok. Der Zug hält, weiter zum Flughafen geht es mit dem Microbus. Kein Platz für Fahrräder. Der Chauffeur bietet uns netterweise an, das Gepäck mitzunehmen und extra langsam zu fahren, damit wir hinter dem Bus herradeln können. Jesses. Wir strampeln auf der Autobahn vier Kilometer hinter ihm her, die schnellste Fahr der ganzen Reise. Dann endlich am Flughafen, kein Geld mehr für Essen. Fahrräder demontieren und verpacken, der Schraubenschlüssel bricht ab und am gesamten Flughafen ist kein Werkzeug zu finden. Der Mann von der Fluggesellschaft steht schon neben uns und tippt auf die Uhr, macht schneller, macht schneller. Mein Fahrrad wird dann eben mit Pedalen eingepackt, die seitlich aus dem Karton rausragen. Dann kommt doch noch einer mit einem Schraubenschlüssel angerannt. Zu spät. Schnell zum Sicherheitscheck. Rein ins Flugzeug. Fliegen. Landen. In Zürich. Alles so sauber, ordentlich. Wir nehmen die Räder so verpackt, wie sie sind, mit ins ÖV und erwischen noch die letzte S-Bahn. Dann tragen wir nachts um Ein die zwei Radkartons und das Gepäck abwechselnd und Stück für Stück durch den Park nach Hause. Ha, was für eine Heimkehr!