Durch den Osten Kanadas - April, Mai, Juni 2014

Unsere Reise beginnt am 12.4.14 in Halifax an der Ostküste Kanadas. Von dort aus geht es gen Westen. Zuerst durch Nova Scotia, dann durch New Brunswick. Es ist kalt, stellenweise liegt Schnee. Die touristische Infrastruktur ist noch im Winterschlaf, Campingplätze sind geschlossen, die Landschaft wie ausgestorben. Allerdings erleben wir in dieser Zeit einiges, was man als Tourist zu einer „normalen“ Jahreszeit verpasst: beispielsweise die Ahornsirup-Produktion, die immer nur kurz am Ende des Winters stattfindet. Bei der Ankunft in Quebec erwischt uns ein Schneesturm. Wir folgen dem Lauf des St. Laurence-Flusses in Richtung Süden bis nach Quebec City und weiter bis nach Montreal. Die Strecke nach Quebec ist toll, weite Landschaft, schöne Wolken, der Zug der Schneegänse. Der zweite Teil nach Montreal ist monoton, wir fahren durch endlose, graue, gesichtlose Dörfer.

 

In Montreal beschliessen wir, einen Umweg in den Südwesten von Quebec und durch das Wildreservat La Verendrye zu fahren, um etwas mehr Wildnis und Natur zu erleben. Kurz hinter Montreal gelangen wir auf einen 200 km langer Radweg auf einer ehemaligen Eisenbahnlinie, der „Ptit Train du Nord“. Nach Wochen auf asphaltierten Highways mit mehr oder weniger Verkehr war es wunderbar, auf diesem ruhigen Naturweg zu radeln. Wir schwelgen im Radlerglück. In Mont-Laurier beginnt der ernste Teil der Reise durch die Wildnis: eine 5-tägige Fahrt durch das Wildreservat. In der Mitte der Fahrt wird es über 290 Kilometer nur eine Tankstelle geben, ansonsten nichts. Keine Dörfer, keine Läden. Mit den Taschen voller Lebensmittel machen wir uns auf den Weg. Die Natur ist wild, aber auch eintönig. Hinter jedem Hügel erwarten wir etwas anderes, eine Ebene oder eine Aussicht auf etwas. Aber über hunderte von Kilometern sehen wir nur Wälder und Seen...

 

Unser erstes grosses Wildtiererlebnis haben wir kurz nachdem wir das offizielle Reservat verlassen: wir sehen zwei Elche! Das zweite Wildtiererlebnis spielt sich nicht viel später ab: ein Bär!

Der Bär besucht uns eines nachts auf einer einsamen Waldlichtung am Zelt, nachdem er, wie wir aus der Entfernung hören konnten, schon an der am Baum aufgehängten Essenstasche, war. Er tapst am Zelt vorbei, macht gruslige Geräusche, wir sehen ihn gerade noch hinter den Büschen verschwinden. Am nächsten Morgen entdecken wir dann die Folgen des Bärenbesuchs. Die Tasche mit Essen war nicht weit genug vom Stamm aufgehängt, der Bär konnte sie anscheinend mit Schnauze oder Tatzen erreichen. Die untere Ecke ist aufgerissen, Kratzspuren und Löcher. Die ungewaschenen Campingteller, die wir gutgläubig auf den Boden gestellt haben, sind saubergeleckt und zerbissen.

 

Nach dem Wildreservat sind wir wieder in der Zivilisation. Um wieder zurück auf die Ost-West-Route zu gelangen, biegen wir scharf nach Süden ab und fahren entlang der Westgrenze von Quebec. Es ist Ende Mai und mit dem Süden kommt auch endlich der Sommer, plötzlich sind Blätter an den Bäumen. Die Sonne wärmt uns auf. Und die Fliegen sind da. Sie fallen in Schwärmen über uns her und versuchen in Ohren, Augen, Mund zu krabbeln.

 Mit dem abrupten Übergang zum Sommer endet auch unsere Reise durch Quebec. Am 25. Mai überqueren wir in Temiskaming die Grenze zu Ontario. Und nicht nur das Wetter hat sich geändert sondern auch das Reisegefühl. Wir werden pausenlos angesprochen, vor dem Supermarkt, in der Cafékette Tim Hortons, an der Tankstelle. Small Talk, kleine Geschichten. Brummige Motorradfahrer in Lederjacken und mit langen Bärten erzählen von Bären und verabschieden uns mit dem Versprechen, dass sie für uns beten werden. Nach der langen Zeit in Quebec haben wir plötzlich das Gefühl, als seien wir jetzt erst in Kanada angekommen. Die Quebecer haben uns ja auch oft genug erzählt, dass Quebec eigentlich nicht Kanada sei... Vielleicht liegt es aber auch daran, dass wir in letzter Zeit eifrig die „typisch kanadischen Dinge“ ausprobieren: wir waren Kanufahren, haben geangelt und haben Marshmallows gegrillt. Wir sind Quad gefahren, haben Axt geworfen, mit der Armbrust geschossen.

 

Auf der Mapleton's Organic Dairy Farm in Moorefield, Ontario gönnen wir uns eine längere Pause, entspannen unsere Beine und Hinterteile und schaffen dafür mal wieder mit Armen und Händen. Das i-Tüpfelchen unseres Bauernhof- aufenthaltes ist die integrierte Eiscremefabrik, wo die Kuhmilch direkt zu feinstem Bio-Eis verarbeitet wird.

 

Mit dieser langen Pause vom Fahrradfahren endet für uns auch der erste Teil der grossen Nordamerika-Durchquerung. Hinter uns liegen 1,5 Monate Radeln und 2800 Kilometer durch Kanada. 

Ende Juni beginnt der zweite Teil unserer Reise von Ost nach West. Da die USA zum einen abwechlungsreichere Landschaften und zum anderen ein besseres Streckennetz (und Karten) für Fahrradfahrer bietet, haben wir uns entschieden, unsere Reise an die Westküste im Nachbarland fortzuführen. Die nächsten Etappen führen uns daher über die US-Grenze nach Detroit, dann nach Ohio, durch Indiana, Illinois, Missouri, Kansas. Weiter fahren wir auf der Fahrradroute „Western Express“ durch Colorado, Utah, Nevada, Kalifornien. Unser Ziel an der Westküste: San Francisco.

Durch den Mittleren Westen - Juni und Juli 2014

Mit der Pause und dem Arbeitseinsatz auf der Biofarm Mapleton's Organic erreichen wir mehr oder weniger das Ende unserer Kanadareise. Von Mapleton's im Wellington County aus fahren wir noch ein paar Tage durch ein wunderschönes, idyllisches Süd-Ontario, bis wir dann in Sombra, Ontario an Bord der Fähre über den St. Clair River gehen. Am anderen Ufer: Marine City, USA. Ein neues Land, wir sind gespannt. Was uns zuerst auffällt: die Leute sind mindestens genauso nett und interessiert wie in Kanada. Vor jedem Laden, bei jeder Pause werden wir angesprochen und zu unserer Tour befragt. Viel oh und ah und die allerbesten Reisewünsche. In der ersten Nacht haben wir dann unser zweites Bärenerlebnis, allerdings weniger dramatisch. Der schon längst erwartete Waschbär fällt über unsere Mülltüte her, reisst sie auf, springt auf den Picknicktisch und scheppert mit dem Topf, der noch vom Abendessen dort steht. Ich springe aus dem Zelt und will das Tierchen verscheuchen, es macht aber keinen Zocker und bleibt einfach frech auf dem Tisch sitzen. Furchtlos! Erst als ich mit einem Stock auf den Tisch schlage, trollt es sich ins Gebüsch. Und kommt auch nicht mehr wieder.

 

Unsere erste grössere Station in den USA ist Detroit. Wir hatten die Stadt schon im Winter besucht, ohne Fahrräder und wollten seitdem wiederkommen. Und da sind wir. Aus einer geplanten Übernachtung werden drei. Wir sind zu Gast bei einer Lederdesignerin und wohnen in einer Loft mitten in Downtown Detroit. Und im Sommer gefällt es uns noch besser. Die leeren, weiten Strassen sind perfekt zum Fahrradfahren, die Stimmung ist entspannt, es gibt viel zu sehen, tolle Bars, gutes Essen. Keine Spur vom hoffnungslosen Ruf, den die Stadt immernoch hat. Sie hat sich längst neu erfunden, hat eine lebendige kulturelle Industrie, viele Kreative. Aus ihrer Asche auferstanden, zumindest dort, wo wir waren.

 

Ab Detroit fahren wir in Richtung Südwesten, zuerst durch Michigan, Ohio, Indiana, Illinois, dann durch Missouri und Kansas. Der Midwest. Auch das Fly-Over-Country genannt, ein Land, das die meisten nur von oben, während ihren Flügen zwischen den urbanen Zentren an den Küsten, sehen. Hier unten ist man nämlich mitten im Nirgendwo, mitten im Hinterland.

In Ohio beginnen die riesigen Mais- und Sojabohnenfeldern. Zuerst sind sie noch kniehoch und erlauben dem Blick, über die flache, grüne Landschaft zu schweifen. Weiter westlich in Indiana und Illinois ist der Mais schon deutlich höher. Oft fahren wir kilometerweit zwischen grünen Wänden aus Maispflanzen. Dann wieder Sojabohnenfelder, staubige Dörfer mit riesigen Getreidesilos und ausgestorbene Kleinstädte.

 Zumindest am Anfang geniessen wir die Hitze. Solange auch noch die winzigste Erinnerung an Schnee und Eis Kanadas in unseren Knochen steckt, freuen wir uns über jeden Sonnenstrahl, der uns auf den Rücken brennt. In Indiana steigt dann die Luftfeuchtigkeit, es ist tropisch. Dazu noch die sattgrüne, üppige Vegetation, riesige Bäume und Schlingpflanzen. Fast jeden Abend finden wir einen State Park oder State Forest, wo wir zelten können. Im Vergleich zu Kanada gibt es jetzt deutlich mehr und deutlich günstigere Campingplätze. Zu unserer Freude auch immer mit separaten Plätzen für Zelte in grünen, ruhigen Ecken, mit Picknicktischen und ganz weit weg von den lauten, stinkenden Riesenwohnmobilen.

 

Weiter im Westen dünnt die Besiedlung aus, es wird immer ländlicher. Mehr Hunde, mehr Kirchen. Wir geraten ins konservative Hinterland, patriotisch ist hier jeder. Wir spüren auch eine gewisse Verschlossenheit, wir werden nur noch selten angesprochen. Wenn wir doch mal ins Gespräch kommen, hören wir oft diese Frage: Habt ihr keine Angst? Vor den Menschen? Den Hunden? Den Schusswaffen? Nein, eigentlich haben wir keine Angst, aber es klingt manchmal, als ob wir Angst haben sollten. Ein Mann unterwegs erzählt uns von einer Studie, die erforscht hat, dass das soziale Vertrauen in den USA immer weiter abnimmt. Ist es vielleicht das? Es scheint wirklich, als würden viele Amerikaner ihren Mitmenschen nicht so ganz zutrauen, dass sie tatsächlich nett zu uns sind.

 

Und dann treffen wir wieder auf Menschen, die so vertrauensvoll, offen und herzenslieb sind. Vor allem in liberalen Provinzstädten, die plötzlich wie Oasen aus dem Nichts auftauchen: Kunst, Fahrradkultur, Bioläden. Und auch in Kleinstädten wird man manchmal überrascht. So wie in Raymond, Illinois, wo uns ein Mann am Strassenrand aufgabelt und uns direkt zu sich nach Hause mitnimmt- nachdem wir mehr oder weniger scherzhaft abmachen, uns gegenseitig nicht zu erschiessen. Dort werden wir dann auch von seiner Frau mit grossem Hallo empfangen. Allgemein ist die Freude gross, Freunde werden eingeladen und alle sind ganz aus dem Häuschen, dass wir auf einer so grossen Reise sind und uns die Familie so spontan bei sich aufgenommen hat. Dank Facebook weiss die gesamte Kleinstadt nach einer Stunde über uns Bescheid, es wird fleissig kommentiert, unter anderem mit: Es gibt auch noch Gutes in dieser Welt!

 

Das nächste Erlebnis der urbanen Art war in St. Louis, Missouri. Eine lebendige, bunte Stadt am Missisippi. Mit einem beeindruckenden Monument: The Gateway to the West. Ein riesiger Bogen aus Metall, der an die Entdeckung des Westens durch Lewis und Clark erinnert. Also das Tor zum Westen, genau in der Mitte unserer Reise. Wir verlassen hiermit offiziell den Osten.

Kurz hinter St. Louis stossen wir auf den Katy-Trail, der auf der ehemaligen Missouri – Kansas – Texas – Eisenbahnlinie (liebevoll The Katy genannt) verläuft. Die 390 Kilometer des Radwegs führen uns fast durch ganz Missouri bis nach Clinton, entspannt auf glatten Kieswegen, im Flusstal des Missouri, steile Felsklippen, dichte, wilde Wäldchen. Wir geniessen die Ruhe und die Natur. Und die Tiere: auf dem Weg tummelt sich so einiges, Schlangen, Schildkröten, Kaninchen, Waschbären, knallrote Kardinal-Vögel und leuchtend blaue Indigo Buntings, handtellergrosse Schmetterlinge. Und eine musikalische Begegnung haben wir auch. An einem Sonntag lernen wir ein Bauernehepaar im Ruhestand kennen, das uns einen Zeltplatz auf ihrem Heufeld anbietet. Und im Handumdrehen haben sie auch noch schnell ein spontanes Konzert in der Scheune organisiert. Mit den E-Z-Toons, der Band, wo der Bauer die Mundharmonika spielt.

 

Weiter geht es nach Kansas. Wir haben viel gehört, viel Schlimmes. Wie heiss, langweilig, schrecklich Kansas sei. Wir finden es aber ziemlich schön. Der eher kühle und feuchte Sommer beschert uns eine grüne, sanfte Landschaft. Zur Abwechslung gibt es statt Maisfeldern riesige Viehweiden. Schnurgerade, leicht hüglige Strassen führen uns durch die langsam karger werdende Farmlandschaft. Die Weiden werden grösser, es gibt weniger Bäume. Die Prärie beginnt. Wir fahren durch die Flint Hills, eine sanft gewellte Wiesenlandschaft. Der Wind streichelt in leichten Wogen über die schimmernden Gräser. Endlos weiter Horizont. Grosse dunkle Viehherden ziehen über ausgedehnte Wiesen, manche Kühe stehen bis zum Bauch in den Teichen, um sich abzukühlen. Ja, es ist heiss. Auf den Strassen begegnen uns immer mehr Viehtransporter und Trucks mit Bergen von Heuballen. Samstags ist Pferdemarkt in Yates Center, der selbsternannten Heu-Hauptstadt der Welt. Wir fahren durch Städte mit niedrigen Gebäuden, jede zweite Tankstelle steht leer, jeder zweite Laden auch. Dafür gibt es Männer in dreckigen Hemden und mit Cowboy-Hüten, Viehgatter, schwarze Rinder. Und es gibt den Wind. Der Wind, der üblicherweise nicht nach Westen weht und uns schon ein paarmal von vorne erwischt hat. Als würden wir gegen ein unsichtbare, heisse Wand fahren...

Vor uns liegt nun das flache Westkansas, The Great Plains. Noch mehr Prärie, noch mehr Horizont.

Cowboys und Berge: Colorado – August 2014

Was nach einem Kitschroman klingt oder nach einem Märchen für Western-Romantiker ist aber wahr! Zumindest in Kansas und Colorado. Es gibt Cowboys und Cowgirls, die auf den grossen Rindermastanlagen oder auf Farmen arbeiten oder als selbstständige Viehtreiber Aufträge von Bauern oder Viehhändlern entgegennehmen. Und die Cowboykultur lebt. Sie legen Wert auf ihre Erscheinung, tragen Hemden, Jeans, Lederchaps, Stiefel und Hüte, so wie man sich das eben vorstellt. Überall gibt es Western-Läden für die nötige Ausrüstung. Die Pferde sind gepflegt, verzierte Westernsättel und bunte Satteldecken. Die Cowboys/girls pflegen ihre Tradition und sind Stolz auf ihren Beruf. Jede Kleinstadt hat ihr Messeareal mit Arena wo regelmässig Rodeos und Barrel Races stattfinden. In Ordway, einer winzigen Stadt in Ostcolorado besuchen wir so ein Barrel Race. Die ReiterInnen müssen möglichst schnell um drei Fässer (barrels) reiten, ohne sie umzuwerfen. Ganze Familien nehmen an diesem Rennen teil, ein einziges Gewimmel aus Pferden und Kindern und Cowboyhüten. Wir schauen zu, wie ein winziges Mädchen, das mit seinen Beinen kaum an den Pferdebauch reicht – aber natürlich in Jeans, Cowboyboots und natürlich ohne Helm – in einer atemberaubenden Geschwindigkeit um die Fässer galoppiert. Sie sitzt nicht im Sattel, sie fliegt förmlich über dem Pferd...

 

Anfang August erreichen wir Pueblo, Colorado. Hier beginnt die Fahrradroute „Western Express“ der Adventure Cycling Association, die uns bis nach San Francisco bringen wird. Mit den ersten Kilometern auf dem Western Express geht es auch schon hoch in die Berge, hoch in die Rocky Mountains. Das zuerst grüne, dann immer trockener werdende, flache Land liegt hinter uns und faltet sich hier in mächtige Bergketten. Schroffe Felsen und trockene Hochebenen. Unsere erste und auch höchste Passfahrt führt uns über den Monarch-Pass: 3448 m. Der zweite Pass ist der Lizardhead-Pass. Mit 3116 m ist er nicht ganz so hoch, aber er ist einer der Höhepunkte unserer Tour. Ganz oben auf dem Pass schlagen wir unser Zelt für die Nacht auf. Mit einer Aussicht auf die 4000er-Gipfel, die rot in der Abendsonne glühen, zwischen dunkelgrünen Fichten.

Zwischen den beiden Pässen fahren wir durch die für Colorado typischen Ski- und Bergsportstädtchen. Im Gegensatz zum ländlichen und konservativen Kansas tummeln sich hier Freidenker, Frischluftfanatiker und alternative Familien. In den kleinen Städtchen mit urigen Holzgebäuden ist einiges los, Konzerte, Märkte und es tummeln sich Touristen und Einheimische. Überall gibt es gesundes Essen, viele Cafés mit Espressomaschinen und noch mehr Outdoor-Läden. Es ist so bunt und lebendig.

Der wilde Westen: Utah, Nevada, Kalifornien - August, September 2014

Bei unserem letzten Stop in Colorado erfahren wir von unseren Gastgebern, was uns erwartet. Utah sei der härteste Abschnitt des "Western Express": Steigungen, Hitze, kein Wasser, dafür atemberaubende Landschaft. Sie haben nicht übertrieben...

 

Schon gleich hinter dem Willkommens-Schild von Utah mit dem Slogan "Life elevated" beginnt das Terrain aus trockener, roter Erde. Wir sind gespannt. Nicht lange. Gleich sind wir mittendrin in der bizarren Landschaft Utahs. Gigantische rote Gesteinsformationen, durch die sich der einsame Highway windet. Mit schnellen Abfahrten und heftigen Steigungen fahren wir durch steile, karge Täler und über rote Hügelketten. Am Wegesrand immer wieder Ruinen von Jahrhunderte alten Felswohnung der Anasazi (Pueblo-Indianer). Ansonsten ist die Umgebung leer, keine Dörfer, keine Zivilisation, kaum Verkehr. Meistens ist es ganz still, man hört nichts, bis man irgendwann das leise Rauschen eines noch weit entfernten Autos hört. Das Land gliedert sich in bizarre Felstürme, Plateaus, Kliffs, Kegel. Es scheint als seien die Steilwände riesige Fresken mit abstrakten Figuren, man glaubt, Gesichter zu erkennen. Dann verändert sich die Szenerie wieder und wir fahren durch eine Mondlandschaft aus grauen gezackten Bergrücken und grauen, mit violetten Streifen durchzogenen, sandigen Hügeln. Es ist, als würden wir durch ein surreales, abstraktes Gemälde fahren. Es ist unglaublich. Unsere Route führt uns auch nach Fruita, ein Tal im Nationalpark Capitol Reef, das tatsächlich so fruchtbar ist, wie sein Name. Fruita ist eine ehemalige mormonische Siedlung und inzwischen eine Touristenattraktion. Das Tal hat verblüffend viel Wasser und die frühen Siedler haben üppige Obstgärten angelegt. Nach vorwiegend grau und rot plötzlich eine grüne Oase! Dann geht es weiter durch Berge und Täler, nur selten eine kleine Ortschaft. Die nächste grössere Stadt: Cedar City.

 

Rückblickend war Utah nicht unbedingt der härteste Teil unserer Reise aber auf jeden Fall der schönste und intensivste. Die Steigungen waren teilweise so heftig, dass sie auf dem Höhenprofil der Karte vertikal aussahen. Es war heiss und es gab nur wenige Versorgungsmöglichkeiten. Einmal hatten wir Hitze, Steigungen und damit unseren Wasserbedarf falsch eingeschätzt. Schon nach drei Stunden waren unsere Flaschen leer. Wir haben uns noch ein paar weitere Stunden zur nächsten Ortschaft gequält. Dabei hatten wir ausführlich Zeit, zu lernen, was es heisst, Durst zu leiden. Endlich im Städtchen angekommen, sind wir direkt zur nächstbesten Flüssigkeitsquelle, eine Tankstelle am Ortseingang: einen Liter Eistee gekauft und einen Sack Eiswürfel und damit auf eine Sitzbank vor dem Laden. Eine amerikanische Familie war unterdessen total interessiert an uns, hat uns Fragen gestellt: woher, wohin, wie lange, wie weit? Unsere Antworten: ja, nein, hmmm. Wir wollten nur trinken, abkühlen und den Nebel aus unserer Wahrnehmung vertreiben. Das war eine harte Erfahrung, seitdem haben wir immer genügend Wasser mitgenommen.

 

Dann sind wir in Nevada. Diesmal hat uns niemand vorgewarnt. Nevada ist härter als Utah, viel härter. Wir sind körperlich erschöpft, denn seit Colorado nehmen die Steigungen kein Ende. Die Rocky Mountains sind zwar überwunden, aber deshalb ist es noch lange nicht flach. Zudem ist Nevada karg, grau, öde, leer. Zum Glück haben wir unsere Fahrradkarte, die uns deutlich macht, dass es zwischen Verpflegungsmöglichkeiten (Wasser!) fast immer Strecken von 90 bis 130 km gibt. Und auf diesen Strecken gibt es nichts, aber auch gar nichts gibt. Kein Wasser, keine Tankstellen, keine Dörfer, nichts.

 

Die ersten Tage sind wir noch gut gelaunt und freuen uns über die weite Aussicht in die schier endlosen Täler. Wir fahren genau quer zum aufgefalteten Gelände Nevadas. Durch ein weites Tal, auf einer schnurgeraden Strasse hoch auf die Bergkette, dann wieder geradeaus runter in ein weites Tal, dann wieder geradeaus hoch über die nächste Bergkette, dann wieder runter ins Tal. Und so weiter. Wir haben jeden Tag ein bis drei solcher Gipfel vor uns und nach ein paar Tagen kommt es uns fast unerträglich anstrengend vor. Vor allem weil uns die Landschaft nicht dafür entschädigt. Eine ewig gleiche Ödnis, eine graue Wüste mit trockenen Salbeibüschen in den Talebenen und höheren, struppigen eiben-ähnlichen Büschen auf den Hügelketten. Deprimierend. Was uns ein bisschen aufmuntert, ist der weite Himmel und das Schauspiel der Wolken, der Farben und des Lichts bei Gewittern. Besonders abends geniessen wir die Einsamkeit und die Stille, wenn wir in dieser leeren Landschaft irgendwo wild campen. Es fasziniert uns, wie leise die Wüste ist. Nur das Summen der Insekten, ab und zu das Flügelschlagen eines Nachtvogels und das schrille Heulen der Coyoten am frühen Morgen. Die Schlangen sind lautlos.

Alle paar Tage fahren wir durch kleine, staubige, halbverlassene Städte mit Western-Flair: dunkle Holzfassaden, holzgetäfelte düstere Bars und Gaststätten, vollgehängt mit allem, was gejagt und ausgestopft werden kann: Hirsche, Pumas, Elche. Überall Geweihe. Kurz vor Fallon bleiben wir über Nacht bei der Middlegate Station, eine uralte, windschiefe Raststätte mit sensationell billigen Zimmern, mitten im Nirgendwo. Hier leben eine handvoll Menschen in Wohnwägen, ein paar schräge, bärtige Gestalten, im Hof halbverfallene, verrostete Überreste einer Pferdekutsche und eines alten Autos. Die Burger sind dafür üppig und fettig, das Bier gut. Das ist Nevada.

Eine erfrischende Aufmunterung sind zwei Rennradfahrer, die uns auf einer steilen, einsamen Strasse begegnen. Wir kommen ins Gespräch und sie laden uns zu sich nach Hause ein. Dort lernen wir dann die ganze Familie kennen, alle drei kleinen Kinder haben die passenden Mini-Cowboystiefelchen, die Frau des Hauses ist eine leidenschaftliche Reiterin, der Mann ist Hufschmied. Es gibt Fleisch vom Grill, Bier und wir dürfen eine Runde auf dem Pferd reiten. Ein wunderschöner Westernabend in Fallon...

 

Endlich: Die letzten Berge liegen vor uns – die Sierra Nevada. Wir träumen vom Meer. Kurz hinter Carson City fahren wir rein nach Kalifornien und sofort ändert sich die Szenerie. Es geht bergauf, plötzlich alpine Felslandschaft, riesige Nadelbäume, moosbewachsene Steine. Es gibt massenhaft Schwarzbären. Jeden Abend werden wir vor hungrigen Bären gewarnt, die sich für unser Essen interessieren könnten. Also wird die Essenstasche wieder aufgehängt, was dank der Bäume auch wieder möglich ist. Die Sierra Nevada ist malerisch, endlich ist es wieder grün, kühler, zivilisierter, touristischer. Aber auch voller. Nach einer schönen Abfahrt Richtung Placerville landen wir auf dicht befahrenen Überlandstrassen, die uns durch eine idyllische Obst- und Weinbauregion führen. In Placerville entscheiden wir dann spontan, dass wir von Sacramento bis Oakland den Zug nehmen – vor uns liegen nur noch Ortschaften oder dicht befahrene Strassen mit sehr viel Verkehr.

Ab Oakland dann endlich unsere letzten Fahrt: mit der rüber nach San Francisco, dann auf den Rädern von der Anlegestelle zur Golden Gate Bridge.

 

Am Ziel!!! 8500 km!!! 154 Tage auf den Rädern gereist! Zwei Ozeane, zwei Länder, vier Provinzen, zehn Staaten! Nur elf Regentage, nur sechs platte Reifen! Und ganz viele wunderbare Menschen, die uns bei sich aufgenommen, uns Essen, Wasser und ein Bett gegeben und uns in jeder erdenklichen Weise unterstützt haben. Jede Menge Abenteuer!

 

Wir geniessen die restlichen vier Tage in San Francisco: freuen uns über ein Bett, eine immer verfügbare Dusche, die Metro und stürzen uns völlig ausgehungert in das Stadtleben. Aufs Fahrrad steigen wir in diesen Tagen nicht mehr.